Das Leben

Vom Reifen an den Schwellen

Mein Weg zur Stille und das Hüten des Heiligen

Lange Zeit habe ich geglaubt, ich müsste die Welt bewegen. Irgendetwas Großes tun, etwas Sichtbares schaffen, vielleicht sogar beweisen, dass ich mit all dem, was ich gelernt, erlebt und wahrgenommen habe, etwas Besonderes bewirken kann. Ich glaube, ein Teil davon kommt aus dieser seltsamen Zeit, in der wir leben, in der alles sofort eine Form bekommen soll: Eine Ausbildung soll zu einem Beruf werden, eine Gabe zu einem Angebot, ein innerer Weg zu einem Konzept und eine Erkenntnis am besten noch am selben Abend zu einem Post und einem Workshop.

Aber mein eigenes Leben hat mich in den letzten Jahren immer wieder an einen ganz anderen Ort gestellt. Nicht auf Bühnen, nicht in große Kreise und nicht in eine Welt, in der ich mich jeden Tag stundenlang mit Ritualen, Reisen oder alten Überlieferungen beschäftigen könnte. Mein Leben verlangt im Moment sehr viel Hingabe an das Naheliegende: an Zuhause, Familie, Krankheit, Fürsorge, Termine, Erschöpfung – an all diese unspektakulären Dinge, die nach außen oft überhaupt nicht nach spirituellem Weg aussehen. Und vielleicht habe ich gerade deshalb lange gedacht, ich würde nicht genug tun.

Ich habe geglaubt, eine schamanisch Praktizierende müsste regelmäßig trommeln, reisen, räuchern, am Altar sitzen, Zeichen empfangen und mit den alten Kräften arbeiten. Wenn davon über Wochen kaum etwas möglich war, weil das Leben selbst so laut war, kam irgendwann die leise Frage: Wirke ich überhaupt noch?

Die Weihe am Krankenbett

Heute glaube ich, dass genau diese Frage mich etwas Wesentliches gelehrt hat. Denn das Heilige verschwindet ja nicht, nur weil wir keine Zeit haben, es feierlich zu inszenieren. Vielleicht liegt es manchmal gerade dort, wo gar nichts mehr feierlich ist.

Wenn man monatelang am Bett eines schwerkranken Kindes sitzt, wenn Angst den ganzen Raum füllt, wenn der eigene Partner schwer erkrankt und der Alltag plötzlich aus Krankenhäusern, Fahrten, Warten und Funktionieren besteht, dann bleibt von vielen Vorstellungen über Spiritualität nicht mehr viel übrig. Da hilft kein schöner Satz und kein kunstvoll aufgebautes Ritual. Dann zählt nur noch das Dasein: eine Hand halten, atmen, noch einen Tag tragen, noch einmal aufstehen, noch einmal Essen machen, zuhören und vor allem nicht davonlaufen.

Vielleicht sind genau das die Schwellen, an denen etwas in uns eingeweiht wird, ohne dass jemand einen Namen dafür ausspricht.

Ich habe in diesem Jahr oft gedacht, dass ein Teil meiner Lebenskraft irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Dass ich mich selbst manchmal nur noch wie eine umgeknickte Blume wahrnehme und mich frage, wo die Frau geblieben ist, die sich einmal so klar als Schwellenhüterin gefühlt hat. Aber vielleicht besteht eine Schwelle eben nicht immer darin, kraftvoll zwischen zwei Welten zu stehen. Vielleicht besteht sie manchmal darin, selbst dort zu sitzen – müde, erschöpft und ohne zu wissen, wie es weitergeht. Auch darin liegt eine tiefe Form von Wissen.

Das Lesen von Strömungen

Ich beginne überhaupt erst langsam zu verstehen, dass mein Weg vermutlich weniger mit dem Spektakulären zu tun hat, als ich früher dachte. Ich habe lange nach einer großen Gabe gesucht, nach etwas Eindeutigem, von dem ich sagen könnte: Ja, das kann ich. Vielleicht auch, weil ich mich mein ganzes Leben mit Wahrnehmungen beschäftigt habe, die sich nicht so leicht erklären lassen.

Schon als Kind habe ich Dinge gesehen und gespürt, über die ich kaum sprechen konnte: Naturwesen, helle Gestalten und Stimmungen, die für andere unsichtbar waren. Ich wusste oft, wenn bei einem Menschen etwas nicht zusammenpasste, wenn Worte etwas anderes erzählten als das, was ich spürte. Ich habe früh Entwicklungen wahrgenommen und manchmal Jahre vorher geahnt, wohin sich etwas bewegen würde. Damals hatte ich dafür keine Sprache. Ich wusste nur, dass etwas nicht stimmte, wenn ein Mensch etwas sagte und sein ganzes Sein etwas anderes erzählte.

In meinem Elternhaus war dafür kein Platz. Alles musste in eine religiöse Ordnung passen, und was dort keinen Raum fand, wurde schnell zu etwas Gefährlichem erklärt. Also lernte ich irgendwann, stiller zu werden mit dem, was ich wahrnahm.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb bis heute die Frage, ob ich meiner eigenen Wahrnehmung trauen darf. Ich merke inzwischen, dass diese Frage wichtiger ist als die Suche nach einer spektakulären Fähigkeit. Vielleicht geht es gar nicht darum, immer mehr zu sehen, sondern genauer unterscheiden zu lernen: Was nehme ich wirklich wahr? Was deute ich hinein? Was ist Erinnerung, was ist Angst, was ist Wunsch und was Lebenserfahrung? Und was bleibt auch dann noch rätselhaft, wenn ich all diese Möglichkeiten ehrlich mitdenke?

Darin liegt für mich ein reifer Weg: nicht alles sofort benennen zu müssen, nicht aus jeder Empfindung eine Wahrheit zu machen und gleichzeitig nichts mehr kleinzureden, nur weil es sich nicht messen oder erklären lässt. Es gibt Dinge, die ich weiß, ohne zu wissen, woher. Es gibt Menschen, bei denen ich sehr schnell spüre, wo etwas nicht in Balance ist, und Beziehungen, deren Entwicklung ich lange vorher erahne. Es gibt Räume, die sich dicht oder offen anfühlen, und Musik, die in mir sofort Bilder und Landschaften entstehen lässt.

Die Kunst, Fragen im Dunkeln zu wiegen

Das gilt auch für mein Verhältnis zu alten Lehren. Ich liebe alte Überlieferungen, schamanische Wege, Runen und Geschichten über Völur, Schwellenfrauen und Seherinnen. Gleichzeitig merke ich, wie schnell mein Verstand anspringt: Warum ist das so streng? Warum muss das so kompliziert sein? Was davon ist wirklich notwendig, was Tradition, was Projektion und was Schutz?

Früher wollte ich jede dieser Fragen sofort beantworten. Heute merke ich, dass manche Fragen besser werden, wenn man sie eine Weile ruhen lässt. Es ist eine der schwersten Lektionen für mich überhaupt: eine Frage liegen zu lassen, nicht sofort zu graben, keine Erklärung zu erzwingen und nicht vorschnell über Richtig oder Falsch zu entscheiden. Einige Fragen brauchen Dunkelheit, genau wie Samen in der Erde. Darin liegt echte Demut.

Ich beginne meine Fragen zu prüfen: Kommt dieser Gedanke aus einer echten Erfahrung oder nur aus Neugier? Will ich etwas verstehen, weil es mir auf meinem Weg hilft, oder will mein Verstand einfach alles auseinandernehmen? Ist die Frage jetzt überhaupt schon reif? Das bedeutet keineswegs, den eigenen Verstand abzugeben – ein spiritueller Weg ohne kritisches Denken birgt Gefahren. Aber der Verstand muss nicht immer vorneweg rennen und alles zerlegen. Manchmal darf er sich einfach dazusetzen, zuhören und warten.

Das Hüten der Lehrenden und die Schale des Ausgleichs

Auch mein Blick auf Lehrerinnen und Lehrer hat sich verändert. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die Wissen weitergeben und gleichzeitig ein ganz normales Leben tragen: Familien, Krankheiten, Rechnungen, Arbeit und Müdigkeit. Es ist leicht, von Lehrenden ständige Verfügbarkeit zu verlangen, jede Frage beantwortet und jede Unsicherheit aufgefangen haben zu wollen. Natürlich darf Wissen fair entlohnt werden; niemand lebt von Licht und Räucherwerk allein.

Trotzdem beschäftigt mich das Thema Ausgleich sehr. Ich glaube an Gegengabe, an Fairness und daran, dass Zeit, Wissen und Begleitung einen Wert haben. Aber ich glaube ebenso, dass spirituelle Räume etwas Wesentliches verlieren, wenn sie nur noch jenen zugänglich sind, die sehr viel Geld mitbringen können. Alte Wege lebten nie nur von Münzen. Sie lebten von Austausch, Verlässlichkeit, Hilfe, Nahrung, Kräutern, Zeit, Schutz und echter Gemeinschaft.

Vielleicht fehlt uns genau das heute: die Vorstellung, dass nicht jede Gabe einen Preisaufkleber braucht, aber jede Gabe Achtung verdient. Dass jemand geben darf, ohne sich auszubeuten, und jemand empfangen darf, ohne sich klein oder abhängig zu fühlen.

Wir müssen vieles neu lernen, was früher selbstverständlich war: Hilfe anzubieten, bevor jemand zusammenbricht; zu sehen, wenn ein Mensch zu viel trägt, statt zu warten, bis er um Unterstützung bittet. Ein warmer Topf Essen oder eine Nachricht zur richtigen Zeit können manchmal heiliger sein als jedes große Ritual.

Das Geschenk des Schneckentempos

Und vielleicht ist genau das mein Weg zur Stille – nicht als Abwesenheit von Leben, sondern als Raum, in dem etwas werden darf. Ich glaube nicht daran, dass wir Menschen uns ständig beschleunigen müssen. Wir leben in einer Zeit, die jede Unsicherheit sofort mit einer Lösung beantworten möchte; für jedes Problem gibt es einen Kurs, ein Konzept oder eine Methode. Aber manches im Leben will nicht gelöst werden. Manches will getragen, manches betrauert werden – und manches will einfach eine Weile stumm neben uns sitzen dürfen.

Deshalb ist das Schneckentempo für mich längst eine echte Lebenshaltung geworden. Nicht langsam um des Langsamseins willen, sondern langsam genug, um überhaupt noch zu merken, was geschieht. Langsam genug, damit die Seele hinterherkommt und wir nicht jede Knospe aufbrechen, bevor sie selbst bereit ist.

Mein Weg hat mit Mutter Erde zu tun: mit Natur, mit Tieren, Pflanzen und Kreisläufen. Draußen nehme ich leichter wahr, mein Körper wird weicher und im Wald muss ich nichts erklären. Ich weiß nicht, ob ich eines Tages mit vollkommener Sicherheit sagen werde: Ich bin das eine oder Ich bin eine Schamanin. Vielleicht brauche ich diese Worte irgendwann gar nicht mehr. Vielleicht reicht es, meinen Weg schlicht zu kennen.

Die Lauterkeit des einfachen Weges

Ich möchte die Frau sein, die genau genug lauscht, um zu merken, wann etwas durch sie hindurchflüstert – und demütig genug bleibt, nicht jedes Flüstern gleich zu einem Gesetz zu machen. Vielleicht ist das mein Hüten des Heiligen: kein großes, lautes Aufbegehren, sondern das stille Bewahren dessen, was nicht zerredet werden darf. Das Wissen darum, dass manche Dinge im Dunkeln wachsen, manche Fragen Jahre brauchen und manche Gaben erst sichtbar werden, wenn man aufhört, nach ihnen zu greifen. Ein Leben, das nach außen hin klein aussieht, kann innen voller Schwellen, Geschichten und tiefer Wandlung sein.

Im Moment reicht mir dieser Gedanke vollkommen. Ich muss nicht schneller werden, ich muss nichts beweisen. Ich darf lernen, meinem eigenen Rhythmus zu vertrauen – und vielleicht ist genau das der wahre Anfang.

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