Das Leben

Beziehung bedeutet Beschäftigung

Vom Wunsch, jemanden zu haben, und der Kunst, einander wirklich zu begegnen.

oder:

lieben wir eigentlich das Wesen, dass da vor uns steht – oder lieben wir die Vorstellung davon, wie wir dieses Wesen lieben?

„Ich fühl mich so Single“, sagte mein Töchterlein eines Tages zu mir. In ihren Augen wohnte dieser verträumte Wunsch nach einem Freund. Jemand, mit dem man gemütlich quatschen, kuscheln und knutschen kann, mit dem man schöne Dinge erlebt und sich einfach rundherum wohlfühlt. Am besten ist er immer dann da, wenn man ihn gerade braucht, und beschäftigt sich ansonsten ganz zufrieden mit seinem eigenen Leben. Herrlich unkompliziert, oder?

Ich musste schmunzeln, denn irgendwie kennen wir diesen Gedanken doch alle. Wir wünschen uns jemanden an unserer Seite und malen uns in den schönsten Farben aus, wie wunderbar unser Leben mit diesem Jemand sein könnte.

Und dabei muss es sich ja gar nicht unbedingt um einen Menschen handeln. „Ach, ich wünsche mir so sehr einen Hund!“ Wie oft hört man diesen Satz? Wir sehen diese romantischen Videos, in denen ein Hund voller Freude auf seinen Menschen zurennt, ihm begeistert durchs Gesicht schleckt oder sich abends glücklich an ihn kuschelt. Wir sehen zwei beste Freunde, die gemeinsam durch den Park tollen, und selbstverständlich möchten wir dieses wunderbare Gefühl auch erleben.

Ein Hund, der uns bedingungslos liebt, ein Partner, der uns anhimmelt, ein Freund, der immer ein offenes Ohr hat. Wir stellen uns diese Verbindungen so herrlich zauberhaft vor, dass wir bei aller Vorfreude häufig vergessen, den Gedanken ein wenig weiterzuspinnen. Denn mit einem anderen Wesen zieht immer auch eine ganz eigene Persönlichkeit in unser Leben ein, und die hat mitunter erstaunlich wenig Interesse daran, sich an unser sorgfältig ausgemaltes Wunschbild zu halten.

Ein Hund bringt eben auch matschige Pfoten mit, Regenwetter um sechs Uhr morgens und seinen ganz eigenen Dickkopf. Er kotzt nachts auf den neuen Teppich, weil er unterwegs etwas ausgesprochen Köstliches gefunden hat, pinkelt den schönsten Blumentopf an, bellt den armen Postboten vom Hof und gräbt mit größter Begeisterung den Garten um, obwohl du ihm schon tausendmal erklärt hast, dass dort eigentlich deine Blumen wachsen sollen. Und während du noch darüber nachdenkst, wie du ihm endlich vernünftige Manieren beibringst, hat er längst das gekochte Ei von deinem Frühstückstisch geklaut.

Ein Hund ist eben ein Hund, mit allem, was dazugehört. Er bringt seine Geschichte mit, seine Erfahrungen, seine Ängste und seine ganz eigene Art, die Welt zu verstehen. Vielleicht hat seine Seele schon einiges erlebt und vielleicht darfst du irgendwann feststellen, dass dir all die klugen Hundeerziehungsbücher erstaunlich wenig darüber verraten, wer dieser eine Hund eigentlich ist, der da gerade vor dir sitzt.

Und genau an dieser Stelle beginnt für mich das eigentlich Spannende an Beziehungen.

1. Beziehung ist keine Einbahnstraße

Ich glaube, wir beschäftigen uns erstaunlich ausführlich damit, wie wir jemanden lieben möchten und wie wir uns wünschen, von diesem Jemand geliebt zu werden. Wir stellen uns vor, wie wir gemeinsam Zeit verbringen, wie der andere auf uns reagiert und welche Rolle er in unserem Leben spielen wird. Vielleicht wünschen wir uns einen besonders anhänglichen Hund, einen leidenschaftlichen Partner oder eine Freundin, mit der wir stundenlang telefonieren können.

Aber haben wir uns eigentlich schon einmal gefragt, wie das andere Wesen lieben möchte?

Vielleicht möchte unser Hund seine Zuneigung viel lieber dadurch zeigen, dass er zufrieden in unserer Nähe schläft, während wir ihn am liebsten den ganzen Abend durchknuddeln würden. Vielleicht braucht unser Partner hin und wieder einen Abend für sich, obwohl wir gerade am liebsten jede freie Minute mit ihm verbringen möchten. Wir haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie sich Liebe anfühlen soll, wie sie aussehen und sich ausdrücken muss. Und manchmal sind wir derart damit beschäftigt, unsere eigene Vorstellung von Liebe zu verwirklichen, dass wir übersehen, wie viel Liebe uns auf eine ganz andere Weise entgegengebracht wird. Dabei ist das Gegenüber doch ein eigenständiges Wesen mit seinen eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen vom Leben.

Wie viel Raum lassen wir ihm eigentlich, diese eigene Persönlichkeit zu entfalten? Darf es sich verändern, darf es eigene Entscheidungen treffen, darf es seine Liebe anders ausdrücken, als wir es erwartet haben? Vielleicht sollten wir uns viel öfter dafür interessieren, wie unser Gegenüber die Welt erlebt, anstatt immer nur darüber nachzudenken, welchen Platz es in unserer Welt einnehmen soll.

Denn eine Beziehung entsteht schließlich zwischen zwei Wesen, und beide bringen ein ganzes Universum mit.

2. Beziehung bedeutet Beschäftigung

Du möchtest einen Freund, weil du die coolste Socke der Welt bist und endlich jemanden brauchst, der dich dafür gebührend anhimmelt?

Nun, dann solltest du dir vielleicht einen kaufen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich ein entsprechend programmierter Roboter hervorragend dafür eignet.

Wenn du allerdings einen echten Freund möchtest, einen aus Haut und Knochen, mit einer eigenen Seele, einer eigenen Geschichte und vielleicht sogar mit ein paar ausgesprochen merkwürdigen Angewohnheiten, dann wirst du etwas investieren dürfen, das heute erstaunlich kostbar geworden ist: deine Zeit. Zeit, um diesen Menschen kennenzulernen, ihm zuzuhören, seine Gedanken zu verstehen und herauszufinden, was ihn glücklich macht, was ihn beschäftigt und worüber er sich Sorgen macht. Zeit, um miteinander zu lachen, sich aneinander zu reiben, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und manchmal auch festzustellen, dass die Gemeinsamkeiten doch geringer sind, als man anfangs gehofft hatte. Vielleicht stellt sich sogar heraus, dass ihr überhaupt nicht zusammenpasst und du dich weiter umsehen und von was anderem anhimmeln lassen möchtest. Auch das ist eine wertvolle Erkenntnis, denn sie ist aus einer wirklichen Begegnung entstanden.

Und bei einem Hund verhält es sich ganz ähnlich. Du kannst einen Hund bei dir wohnen haben, ihn füttern, mit ihm spazieren gehen und ihm einen wunderschönen Schlafplatz einrichten. Er wird dich kennenlernen, sich an deinen Tagesablauf gewöhnen und vermutlich ziemlich genau wissen, wann du morgens aufstehst und wo du die Leckerlis versteckst.

Aber wenn du dich darüber hinaus kaum für ihn interessierst, wirst du vieles von dem verpassen, was eine echte Freundschaft zwischen Mensch und Tier ausmacht. Du wirst nie erfahren, was ihn besonders glücklich macht, warum er in manchen Situationen ängstlich reagiert oder weshalb er dir an einem bestimmten Tag plötzlich voller Begeisterung seinen Lieblingsball vor die Füße legt.

Eine tiefe Verbindung wächst durch gemeinsame Erfahrungen, durch Aufmerksamkeit und durch das aufrichtige Interesse aneinander.

Und das gilt für Menschen genauso wie für Tiere. Beziehung bedeutet Beschäftigung. Sich mit einem anderen Wesen auseinanderzusetzen, neugierig zu bleiben und bereit zu sein, auch nach Jahren noch etwas Neues über dieses Wesen zu entdecken.

Eigentlich ist das doch ein wunderschöner Gedanke, oder?

3. Wonach sehnen wir uns eigentlich?

Manchmal frage ich mich, ob wir uns wirklich nach einer Beziehung sehnen oder vielmehr nach dem Gefühl, das wir uns von ihr versprechen. Wir wünschen uns Geborgenheit, Nähe, Zugehörigkeit und diese wunderbare Gewissheit, für jemanden besonders wichtig zu sein. Vielleicht möchten wir uns geliebt fühlen, gebraucht werden oder einfach jemanden haben, der am Abend auf uns wartet. Und selbstverständlich sind das zutiefst menschliche Wünsche.

Interessant wird es allerdings, wenn wir uns einmal fragen, was wir selbst bereit sind, in diese Verbindung hineinzutragen. Denn Geborgenheit entsteht dadurch, dass Wesen einander Sicherheit schenken. Vertrauen wächst durch Erfahrungen, die wir miteinander machen, und wirkliche Nähe braucht die Bereitschaft, sich dem anderen zu zeigen und ihn ebenso aufmerksam wahrzunehmen. Nur ZUSAMMEN ist man wirklich weniger allein. Oder?

Wenn wir uns einen Hund wünschen, weil wir uns einsam fühlen, was geschieht dann, wenn dieser Hund plötzlich unsere ganze Aufmerksamkeit braucht, während wir eigentlich erschöpft auf dem Sofa liegen möchten? Wenn er krank wird oder alt?

Und wenn wir uns nach einem Partner sehnen, der uns versteht und uns in schwierigen Zeiten auffängt, sind wir dann auch bereit, seine schwierigen Zeiten kennenzulernen?

Ich finde diese Fragen deshalb so spannend, weil sie uns etwas über unsere eigenen Erwartungen verraten. Vielleicht möchten wir manchmal vor allem das wunderbare Gefühl genießen, geliebt zu werden, und übersehen dabei, dass auch der andere dieses Gefühl erleben möchte. Wir alle tragen schließlich den Wunsch in uns, mit unserem ganzen Wesen gesehen und angenommen zu werden.

Und vielleicht ist genau das etwas, das wir einander schenken können.

4. Die Schablone in unserem Kopf

Ich glaube, eine der größten Herausforderungen in Beziehungen besteht darin, dass wir uns häufig schon ein ziemlich genaues Bild vom anderen gemacht haben, bevor wir ihn überhaupt richtig kennengelernt haben. Wir verlieben uns in unsere eigene Vorstellung und beginnen ganz unbewusst, den Menschen oder den Hund vor uns mit dieser Vorstellung zu vergleichen.

Solange alles wunderbar harmoniert, bemerken wir davon herzlich wenig. Schablone passt ja. Perfekt. Doch irgendwann zeigt das Gegenüber Seiten, die in unserem schönen Bild bislang keinen Platz hatten, und plötzlich stehen wir vor der Frage, was wir mit dieser unerwarteten Wirklichkeit anfangen sollen. Vielleicht versuchen wir, den anderen ein wenig zu verändern, ihm unsere Sichtweise näherzubringen oder ihn davon zu überzeugen, dass er doch eigentlich ganz anders sein könnte. Den anderen in die Richtung „erziehen“, die uns besser passt. Schließlich wissen wir ja genau, wie wunderbar alles wäre, wenn er nur ein kleines bisschen mehr so sein würde, wie wir ihn uns vorgestellt haben. Und manchmal verbringen Menschen erstaunlich viele Jahre damit, sich gegenseitig in diese selbst gebastelten Schablonen hineinzudrücken.

Dabei könnte es so viel spannender sein, den Pinsel einmal beiseitezulegen und neugierig zu betrachten, welches Bild das Leben tatsächlich vor uns gemalt hat. Vielleicht entdecken wir dabei Eigenheiten, die uns zunächst fremd erscheinen und die wir eines Tages besonders lieben werden. Vielleicht begegnen uns Ansichten, die unsere eigenen bereichern, und vielleicht lernen wir sogar etwas über uns selbst, das wir ohne diesen Menschen niemals erfahren hätten. Und manchmal würden wir auch erkennen, dass zwei Wesen trotz aller Zuneigung unterschiedliche Wege gehen möchten. Denn auch darin kann ein liebevoller und respektvoller Umgang miteinander liegen.

Für mich bedeutet wahre Verbindung, dass wir unserem Gegenüber mit einer lebendigen Neugier begegnen und ihm die Freiheit lassen, sein eigenes Wesen zu entfalten.

Schließlich möchten wir selbst doch auch genau so geliebt werden. Mit unseren seltsamen Angewohnheiten, unseren großen Träumen, unseren Macken und all den kleinen Besonderheiten, die uns zu dem Menschen machen, der wir sind.
Vielleicht liegt darin eines der schönsten Geheimnisse der Liebe: dass wir einander immer wieder neu entdecken dürfen, weil jeder Mensch, jedes Tier und jedes lebendige Wesen so viel mehr ist als das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben.

Und so denke ich manchmal an den Satz meiner Tochter zurück. „Ich fühl mich so Single.“ Ich kann diesen Wunsch nach einem Menschen an ihrer Seite gut verstehen, denn es ist wunderschön, jemanden zu haben, mit dem man lachen, reden, knutschen und das Leben teilen kann. Aber noch viel schöner stelle ich es mir vor, wenn aus diesem anfänglichen Wunsch irgendwann eine wirkliche Begegnung wird, bei der zwei Menschen feststellen, dass sie sich füreinander interessieren, einander kennenlernen möchten und bereit sind, gemeinsam etwas wachsen zu lassen.

Denn schließlich ist Liebe so viel mehr als das schöne Gefühl, jemanden gefunden zu haben.

Sie ist auch die Freude daran, immer wieder herauszufinden, wen man da eigentlich gefunden hat.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert