Das Leben

Weihnachten – Geschenkefest, Lichtfest, Herzfest?

Ich habe dieses Jahr viel nachgedacht – über unser heißgeliebtes Weihnachten.
Und wenn wir ehrlich sind, ist Weihnachten für viele von uns vor allem eins: ein Geschenkefest.

Ich liebe Geschenke. Wirklich. Nicht dieses „Ich brauch nix“-Gerede. Sondern dieses echte, kindliche Oh! im Bauch. Jedes Mal, wenn mir jemand sagt: „Nee, wir schenken uns nichts mehr“, denke ich: Ihr nehmt euch was weg. Denn Geschenke zu machen macht glücklich. Sich zu überlegen, was dem anderen gefallen könnte. Dieses leise Spüren: Was könnte dich berühren? Das hübsch Einpacken. Das heimliche Grinsen beim Klebeband. Die kleine Vorfreude, wenn man weiß: dann wird’s ausgepackt.

Und ein Geschenk auszupacken, von dem man gar nicht weiß, was es ist – das macht mindestens genauso viel Freude. Und wenn es dann auch noch passt… wenn es etwas trifft… wenn es nicht nur „nett“, sondern berührend ist… dann ist das einfach groß. Und genau da liegt für mich der Kern: Es geht nicht um Größe. Nicht um Preis. Nicht um „mehr“. Sondern um diese innere Berührung. Vielleicht sehnen wir uns genau danach so sehr: nach Berührung. Aber wir haben es uns selbst kaputt gemacht. Kaputt geschenkt.

Weil es irgendwann nicht mehr um Freude ging, sondern um „größer und weiter“. Um Listen. Um Druck. Um Vergleich. Um diese merkwürdige Rechnung, die an Weihnachten plötzlich mitschwingt: Wer gibt wie viel? Wer bekommt wie viel? Und wieviel kostet das alles? Und plötzlich ist da nicht mehr dieses warme Licht – sondern eine Art Stress, der im Lametta glitzert.

Ich habe mich gefragt:

Wenn ich jetzt mal alle Geschenke wegnehme – was bleibt dann eigentlich übrig?

Ihr wisst schon, so ähnlich, wie beim Grinch. Der klaut die ganzen Geschenke, die Deko und den Baum. Er denkt: Hah, so, ich hab Weihnachten geklaut. Jetzt können die doofen Huhs sehen, wo sie bleiben. Heutzutage würde ihm das damit ja glatt gelingen. Aber die Menschen dort (im Film, räusperräusper) sind viel schlauer. Weihnachten kann man doch gar nicht stehlen, sagt die Mama zu ihrer süßen kleinen Tochter. Weihnachten ist doch im Herzen. Und das kann dir keiner stehlen. Und dann singen alle. Auch ohne Deko, ohne Baum und ohne Geschenke. Hach, wie schöööööön…..

Mein Sohn, die Geschenke – und das „Zurückrudern“

Ich habe viel mit meinem achtjährigen Sohn darüber gesprochen. Er freut sich natürlich auf die Geschenke. Und er muss auch immer genau wissen, was er bekommt. Er ist sehr speziell, was Geschenke angeht. Und ja – ich habe das mit aufgebaut. Bei ihm und mit ihm.

Es ging nicht einfach um „eine Kleinigkeit als Sinnbild“. Es ging ums größte Geschenk. Und jetzt würde ich gern zurückrudern. Aber das ist nicht so leicht. Für Kinder ist das doof. Oder?

Nur für Kinder?

Ich glaube, wir machen es uns manchmal zu einfach, wenn wir sagen: „Kinder halt.“ Denn in Wahrheit sind wir Großen doch oft genauso. Wir wollen Sicherheit. Wir wollen wissen, woran wir sind. Wir wollen, dass es „schön“ wird. Dass es sich lohnt. Dass es klappt. Dass nichts kippt. Und vielleicht ist genau das die Stelle, an der Weihnachten seine eigentliche Wahrheit zeigt:

Wir sehnen uns nach etwas, das wir nicht kaufen können.

Und wir versuchen trotzdem, es zu kaufen. Jedes Jahr wieder.

Zurück in der Zeit: bevor Weihnachten „Weihnachten“ wurde

Gehen wir mal in der Zeit ein bisschen zurück. Bevor das Christentum das „Weihnachten“ brachte, wie wir es heute – manchmal ziemlich ausufernd – feiern. 

Vor dem Christentum gab es das Fest, nach dem wir bis heute Sehnsucht in uns tragen: das Lichtfest. Das Julfest. Yule.

Das Julfest sagt: Wenn die Nächte am längsten sind, wenn die Dunkelheit schwer wird und sich wie ein Deckel über die Welt legt – dann bringe ich euch Licht. Als Lichtkranz im Außen. Und als tröstenden Lichtschein im Innen.

Denn wir Menschen haben oft Angst im Dunklen. Dunkelheit bedeutet: Ich sehe fast nichts. Ich kann nicht prüfen, ob da etwas ist. Ich kann nicht kontrollieren, ob Gefahr droht. Ich nehme das Wichtigste nicht wahr – zumindest glaube ich das.

Und genau das ist der Punkt: Wir haben verlernt, dass wir mehr Sinne haben als unsere Augen. Wir haben verlernt, dass wir spüren können. Dass wir hören, riechen, ahnen, wahrnehmen – ohne Beweisfoto. Und wir haben gelernt, dass nur das „real“ ist, was wir sehen können. Was wir messen können. Was wir mit unseren Händen greifen können.

Dabei sind unsere Augen – Hand aufs Herz – gar nicht so großartig. Und unsere Hände sind oft viel grober, als wir zugeben möchten. Je mehr wir nur noch dem Sichtbaren glauben, desto weniger bleibt von etwas, das man Vertrauen nennt.

Vertrauen findet man immer seltener. Kontrolle dagegen ist überall. Kontrolle geht fast immer Hand in Hand mit dem, was als „Wissen“ verkauft wird. Mit Regeln. Mit Normen. Mit einem System, das sagt: So ist es richtig – und so ist es falsch. Und so fühlst du bitte auch. Und ja: Auch das Christentum hat – trotz aller Worte über „Glaube“ – historisch immer mit und über Angst und Kontrolle gearbeitet. Über Schuld. Über Gehorsam. Über die Idee, dass der Mensch grundsätzlich mangelhaft sei und gerettet werden müsse. 

Das Julfest – dieses archaische Lichtfest – steckt für mich nicht zuerst in einer Geschichte über die Geburt eines Menschen, der die Menschheit vor sich selbst retten soll. Es steckt in etwas viel Einfacherem. Und viel Wahrerem:

Dass wir Licht brauchen, wenn es dunkel ist. Dass wir einander brauchen, damit wir unser Licht gegenseitig teilen, stärken können. Dass wir zusammenrücken. Dass wir Wärme teilen. Dass wir uns erinnern: Auch diese Nacht geht vorbei. und das Licht scheint – in uns.

In Wahrheit ist das Weihnachtsfest eine Erinnerung:

In Wahrheit ist Weihnachten eine Erinnerung daran, dass wir Menschen nicht dafür gemacht sind, allein durch die dunkelste Zeit zu gehen. Dass wir Wärme brauchen. Nicht als Event, sondern als Nahrung. Dass wir Nähe brauchen. Nicht als Pflichttermin, sondern als Heimat. Dass wir Berührung brauchen. Nicht nur mit Händen, sondern mit Herz. Dass wir Vertrauen brauchen. Und wenn jeder einen winzigen Anteil Vertrauen in sich hat – und diesen teilt, dann kann Vertrauen auch wieder wachsen und stärker werden.

Und vielleicht ist genau deshalb das „Geschenkefest“ so groß geworden: weil wir uns nach dieser Berührung sehnen – und wenn wir sie nicht sicher finden, versuchen wir sie zu ersetzen. Mit Dingen. Mit Paketen. Mit „Hier, guck mal, ich hab doch…“

Ein Geschenk kann Hinweis sein – ein kleiner leuchtender Fingerzeig. Es kann sagen: Ich hab dich gesehen. Es kann sagen: Ich hab an dich gedacht. Es kann sagen: Du bist mir wichtig. Und wenn es das tut, dann ist es vielleicht nicht ausschließlich „Konsum“. Dann ist es auch ein kleines Stück Licht. Vielleicht müssen wir also gar nicht aufhören zu schenken.

Vielleicht müssen wir nur aufhören, damit etwas beweisen zu wollen.

Vielleicht ist das die Heimkehr: Zurück zu weniger „mehr“. Zurück zu weniger „perfekt“. Zurück zu dem, was tatsächlich trägt.

Und wenn du mich fragst, was übrig bleibt, wenn man alle Geschenke wegnimmt? Dann bleibt das, was man nicht kaufen kann:

Ein Blick, der sagt: Ich sehe dich. Ein Moment Stille, der nicht peinlich ist. Ein Platz am Tisch, der nicht verdient werden muss. Ein „Ich bin froh, dass du da bist.“ Einfach so. Einfach ehrlich. Einfach Mensch. Ein Lächeln, weil man dankbar ist, dass man gemeinsam is(s)t. 

Und dieses alte, einfache Menschheitswissen:

Wir machen Licht. Für einander.

Weihnachten?

Das bist du. und das bin ich. Das sind wir zusammen. Gern mit Deko, Glitzer und Geschenken.

Aber noch lieber mit Herz und Licht. Für heute und fürs nächste Jahr. 

Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest. Mit der Weihnachtsstimmung, für die du dich entscheidest und mit der du dich wohlfühlst!

Deine Susanne

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert