Geist Körper

Fawning

Wenn ein Kind lernt, sich selbst zu verlassen, um zu überleben

Ein Kind opfert sich um Liebe zu behalten, um nicht ausgestoßen zu werden, um Nähe zu retten. Ein Kind nimmt IMMER die Schuld auf sich. Denn es ist darauf angewiesen Teil der Gruppe zu bleiben. Wir Menschen sind sehr interessante Lebewesen – und wir sind in vielen Jahren abhängig wie kleine Vögel im Nest. Selbst wenn diese „Mutterglucke“ gewalttätig ist. Selbst wenn sie keine Verantwortung übernimmt für das, was sie sagt und tut. Selbst dann, wenn sie einen wegsperrt von der Welt – in einen dunklen Keller, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Und wenn das Vögelchen mit zarten 16 Jahren entscheidet, das Nest zu verlassen, muss es sich dafür vor einem Amt rechtfertigen. Unterstützung ist ein schönes Wort, aber die Bedeutung dahinter ist in den meisten Fällen verloren gegangen. Aber das ist ein anderes Thema.

🌑 Fawning (Gefallen-Wollen aus Angst). Das ist kein schlechter Charakterzug. Es ist ein Überlebensmechanismus. Ein Reflex eines kleinen Körpers, der sagt: „Wenn ich lieb bin, bleibe ich sicher.“
Einer, den ich schon sehr früh gelernt habe. Denn auch ich wollte überleben. Wir alle, alle Lebewesen auf Mutter Erde wollen vor allem eines: überleben. Das ist der erste und wichtigste Trieb, den wir alle haben.

Ich war zwischen 6 und 8 Jahre alt, als ein Teil meiner Seele eingefroren ist. Der Teil, der sich Lebensfreude nennt, dieser wilde, unstüme und strahlende Anteil. Ich hatte gelernt, dass Lebensfreude nicht sicher ist. Sie hat mich so sehr in Gefahr gebracht, dass ich aus der Gruppe ausgestoßen wurde – für einen kleinen Moment für meinen Vater, für eine kleine Ewigkeit für mich.

Die Krux ist, dass Fawning nicht einfach aufhört, wenn man ins Erwachsenen-Ich eintritt (falls das denn jemals wirklich geschieht). Fawning ist im Körper gespeichert – und seine Folgen führen viel zu oft zu einer lebenslangen Suche. 

Unser Körper hat es gespeichert wie ein uraltes Programm, das immer wieder im Hintergrund läuft:

„Sei brav. Gefalle. Mach dich klein. Ganz ganz klein. Du bist es nicht wert. Du musst unsichtbar sein. Sei nicht zu laut. Und freu dich lieber nicht zu sehr – das ist gefährlich.“

Und so wächst du heran, wirst älter, bekommst ein eigenes Leben – aber dieses alte Programm wirkt weiter. Leise, tief und so treu wie der treuste Hund der Welt. 

Fawning ist ein Reflex für Angst, für Scham und auch dafür, Lebensfreude klein zu halten, weil dein Körper einst gelernt hat: „Freude macht verletzlich. Freude macht angreifbar. Freude bringt Ärger.“

Also suchst du sie später im Leben überall: im Herzen, im Hals, im Solarplexus, in Ritualen, in Kursen, in Meditationen, in Büchern, in Mantren, in all den Wegen, die uns versprochen werden. Und das kostet sehr viel Geld, viele Nerven und reißt so oft Wunden auf, die kein Coach der Welt halten kann.

Und überhaupt: wie soll man etwas finden, das man im tiefsten Inneren selbst weggeschlossen hat, um zu überleben?

Was wir lernen ist, dass diese Dinge sich nicht einfach auflösen. Sie spalten sich ab, verstecken sich. Aber sie sind noch da. Irgendwo. Und inzwischen weiß ich: die meisten unserer abgespaltenen Seelenanteile wohnen irgendwo in unserem Körper. Versteckt hinter einer Angst, einer alten Scham, hinter Schuldgefühlen und Misstrauen. Vielleicht sogar hinter Neid und einem ewigen Sichvergleichenmüssen.

Meine Lebensfreude war nie weg. Sie war nur geschützt. Das hat mein Körper gemacht, um zu überleben. 
Meine Freude musste geschützt werden. Vor der Welt mit einem gewalttätigen Gott, der über allem schwebte. Vor dem Schmerz. Vor der unermässlichen Angst.

🌕  48 Jahre – und endlich weiß ich, wo meine Lebensfreude steckt

Weißt du… ich habe so viele Kurse gemacht. Ich habe geatmet, geschwitzt, meditiert, geweint, gelacht, visualisiert, getanzt. Immer wieder, immer wieder. Neue Lehrer, andere Überschrift, aber dieselbe Suche.

Ich habe mein Herzchakra freigeklopft, mein Kehlchakra freigesungen, mein Solarplexus aufgepolstert und mein Drittes Auge poliert wie ein Fenster. Überall hieß es: „Da steckt die Lebensfreude! Hier steckt sie! Nein, warte – da hinten zwischen Herz und Zwerchfell!“

Und ich? Ich hab sie gesucht wie ein verlorenes Schmuckstück. Wie ein Ohrring, der irgendwo zwischen Couchkissen verschwunden ist. Wie ein Schatz, den man immer wieder fast findet… aber eben nur fast.

Ich hab’s wirklich versucht. Auf allen Ebenen. Jahrelang. Angefangen mit Büchern und Kursen um und über Glück. Und weiter, neue Themen kamen dazu. Ich hab es versucht – auf spirituelle Weise, therapeutische Weise, körperliche Weise. Ich hab’s so sehr versucht, dass ich manchmal dachte, ich betreibe Lebensfreudensuche im Leistungssport-Modus.

Und jetzt. Jetzt werde ich 48. In ein paar Tagen feiere ich meinen Geburtstag. Und plötzlich – nach all den Jahren – spüre ich, wo sie wirklich feststeckt. Nicht im Herzchakra. Nicht im Kehlchakra. Nicht im inneren Kind, das nach Sonnenschein ruft. Nicht in irgendeinem kosmischen Strahl.

Sondern dort, wo die Angst war – ja und immer noch ist. Dort, wo die Scham alles überlagert hat.. Dort, wo der Körper abgespeichert hat: „Hier ist es nicht sicher zu leben.“

Es ist unglaublich, oder? 48 Jahre alt – und plötzlich macht es klack. Im Körper! Ganz klar im Körper! Kein Geist, kein Kopf hat diese Erkenntnis gebracht.
In diesem uralten Raum, in dem ein kleines Mädchen beschlossen hat, sich unsichtbar zu machen. In meinem Schoßraum. Ganz unten, im 1. Tor des Schoßraumes. Da versteckt sie sich, unter all der angehäuften Scham und der unendlichen Schuld, die da draufgepackt wurde.

Ich sage dir: Diese Erkenntnis hat mich fast umgehauen. Das war nicht erwartet. Ja, wir wissen ja als Frauen, dass gerade im Schoßraumbereich viel Scham sitzt. All unsere unterdrückten Gefühle stauen sich im 1. und 2. Chakra. Aber auf diese Idee gekommen bin ich selber nicht. Wie eines zum anderen kam weiß ich gar nicht genau. Aber ich habe begonnen mich mit Sexualmagie zu befassen. Und plötzlich hat mein Körper mir den Weg gezeigt. Ja, genau, mein Körper. Wow! Der Körper spricht wirklich manchmal klar, wir müssen wohl nur öfter mal zuhören.

By the way: das wäre nicht passiert, wenn ich Schmerzmittel, Hormone oder sonstnochwas genommen hätte. All diese Dinge drängen nämlich alles zurück, was der Körper uns sagen will und speichern es für später. Manche Menschen haben riesige Sammelbecken für dieses „später“ und gehen häufig sogar mit ihren Sammelbecken ins nächste Leben.

Und nun – nun weiß ich endlich, WO meine Lebensfreude gefangen ist. Und nun kann ich sie auch befreien. Stück für Stück. Mit Respekt vor und gemeinsam mit dem Kind, das damals überleben musste.

Und weißt du was? Das fühlt sich an, als würde nach Jahrzehnten ein Licht in einem Keller angehen, von dem ich gar nicht wusste, dass er existiert.

Heilung beginnt nie mit einem Knall. Heilung beginnt mit einem „Ich sehe dich.“
Mit einem „Du bist sicher.“ Und mit einem „Wir machen das zusammen.“

Ich hole sie jetzt zurück. Meine Lebensfreude, die ich so geliebt habe. Die immer mal wieder durchblitzt. Die so wenig bekannt ist bei den Menschen um mich herum, dass sie dann sagen ich wäre komisch, oder albern. Aber das ist sie: meine Lebensfreude. Sie darf nun endlich heimkommen. In meinen Körper zurück.

Vielleicht geht es ganz oft darum: Zuhören. Atmen. Den Körper sprechen lassen. Dann, klack, weißt du, was los ist.

Klar, es ist immer noch ein Weg. Aber ich halte sie schon an der Hand. Die bunte Lebensfreude mit dem Glöckchengürtel. Und ich lasse sie nie wieder los!

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