Regentropfen prasseln auf meine dicke Daunenkapuze. Dieses Jahr hat mich müde gemacht, so müde. Ich tropfe mit dem Holunderstrauch, neben dem ich stehe, um die Wette.
Ein Stück Himmel wird am Horizont hell. Zauberhaft sieht das aus. Naturmagie im Regen.
Und in diesem Moment, in diesem feuchten Grau, spüre ich ganz intensiv, dass sie wieder näher rücken: die Rauhnächte. Nach der Magie des Blutmondes im Herbst und dem gefeierten Samhain stehen sie an meiner Schwelle. Die zwölf magischen Tage und Nächte, die ich auch dieses Jahr wieder feiern möchte – anders als zuvor. Entspannter. Und dennoch tiefer.
🌙 1. Mein Warum
Wisst ihr… ich bin ein großer Freund davon, dass Dinge alltagstauglich sein müssen. Auch alles magische, alles rituelle. Vor allem das, ganz bestimmt sogar.
Ich habe drei Kinder, und eines davon ist schwerbehindert. Mein Alltag ist stark bestimmt von Pflege – und von all dem, was dazugehört. Medikamente besorgen. Sondennahrung bestellen und verstauen. Alles organisieren, alles im Blick behalten. Arzttermine koordinieren, Rezepte besorgen, neue Hilfsmittel beantragen. Überlegen, was wann und wie zu tun ist.
Neben dem normalen Mama-Alltag, den jede Mutter kennt. Neben einem großen Haus, das versorgt werden möchte. Neben einem Garten, der dieses Jahr viel zu kurz gekommen ist, weil die Zeit einfach nicht gereicht hat. Neben der Verantwortung, Kinder zu Sport, Musik oder anderen Dingen zu motivieren — und sie ab und zu vom Handy wegzulocken.
Ich bin hier für alles allein zuständig. Für die Kinder. Für das Haus. Für das Leben. Für die Organisation. Und ich schaffe es nicht, alles zu schaffen. Nicht ansatzweise. Gerade zur Weihnachtszeit habe ich oft das Gefühl, dass die Welt noch mehr in diese Wochen hineinstopft, als sei das erste Türchen im Adventskalender ein Startschuss für noch mehr Stress und soviel Cortisol, dass kein Körper den Druck ertragen kann.
Doch wenn man ehrlich hinschaut, liegt in dieser Zeit eine jahrtausendealte Energiesignatur. Unsere Vorfahrinnen und Vorfahren wussten: Dies ist die Zeit des Innehaltens, der Rückschau, der Würde.
Die Würde des Jahres. Die Würde des Neuanfangs. Die Würde der Seele.
Und ich frage mich: Wie viel Würde schenke ich meinem Jahr? Wie viel Würde gebe ich einem neuen Jahr, das auf mich wartet? Und wie viel Würde schenke ich meiner Seele, wenn ich einfach weitermache wie bisher?
So viele Jahre habe ich versucht, die Rituale „richtig“ zu machen. Das perfekte Räucherwerk zu besorgen, alle Runen zu ziehen, alle Träume aufzuschreiben, alles zu dokumentieren, alles einzuhalten. Alles muss in Balance sein. Und ich dachte ich finde die Balance, wenn ich alles anleitungsgemäß befolge. Oh ja, es ist gut, wenn man jahrhundertealte Traditionen ehrt und nicht einfach verdreht. Doch… als Mama von jüngeren Kindern, als Pflege-Mutter, als Frau mit all diesen Aufgaben gibt es an manchen Tagen ein Zeitfenster von genau 10 Minuten. Und wenn man versucht in diese 10 Minuten ein ganzes Ritual mit Räuchern, journalen und mehr reinzustopfen, kann das nur schiefgehen. Es macht eins: nochmehr Cortisol.
Ich bin dabei müde geworden. Müder, als ich es ohnehin schon war.
Letztes Jahr habe ich verstanden: Die Rauhnächte sind nicht dazu da, noch mehr Stress auf den Stress zu legen. Wir sind jetzt schon erschöpft genug. Die Rauhnächte sollen nicht auslaugen – sie sollen heimholen. Sie sollen die Seele atmen lassen, denn in all unserem Alltagsgedudel, das wir hier in unserem Leben haben, vergessen wir gerade sie, unseren Antrieb, viel zu oft. Oder? Diese 12 Tage im Jahr sind Seelen-Zeit. Ob mit oder ohne Räucherwerk, mit oder ohne Tagesthema, mit oder ohne Journal. Seelenzeit, die man geschenkt bekommt. Ein eigenes besonderes Türchen, das sich jeden Tag öffnet und durch das man hindurchgehen kann.
Dieses Jahr werde ich die Rauhnächte anders begehen als die Jahre zuvor. Bewusster. Sanfter. Mit weniger To-dos. Mit weniger Geld, das ich ausgebe. Mit weniger Druck, alles perfekt zu machen, perfekt zu befolgen.
Ich will meiner Seele den Raum geben, den sie braucht – und ich will dafür nicht noch mehr oben drauf packen, sondern etwas weglassen.
Vielleicht bedeutet das: einen Fernsehabend weniger, und dafür einen gemeinsamen Abend Journaling mit den Kindern. Ein Gespräch darüber, was in diesem Jahr schön war, wertvoll, leicht. Was gefeiert werden darf. Denn auch das Jahr der Kinder hat eine Würde. Und die darf gesehen werden.
Vielleicht bedeutet das, die Tage anders zu beginnen. Vielleicht bedeutet das, die Tage anders ausklingen zu lassen. 12 Tage Seelen-Urlaub. Wenn wir in den Urlaub fahren, dann ist es ja auch nicht so wie Alltag, oder? In den Rauhnächten fahren wir in den Seelen-Urlaub. Was von meinem Alltag kann ich dafür loslassen und der Seele schenken?
Das ist mein Anfang der Rauhnächte.
🌙 2. Alltagstauglichkeit – Wie bringe ich sie in mein echtes Leben?
Weißt du… ich habe irgendwann begriffen, dass die Rauhnächte nicht darauf warten, dass mein Leben ganz einfach mal eine Runde still wird. Mein Leben wird aber nicht still. Nicht mit drei Kindern. Nicht mit Pflege. Nicht mit den Aufgaben, die jeden Tag nach mir rufen.
Die Rauhnächte müssen also dort stattfinden, wo mein Leben stattfindet. Eben OHNE Rückzug, Ohne das perfekte Setting – sondern genau zwischen all den ganz gewöhnlichen Momenten, die meinen Alltag tragen.
Ich glaube, wir haben uns viel zu lange erzählt, dass Spiritualität nur funktioniert, wenn sie in Ruhe, Schönheit und Stille stattfindet. Dass wir dafür „aussteigen“ müssen aus unserem Leben, um überhaupt etwas davon zu spüren. Wir müssen ein Retreat besuchen, oder uns den perfekten ruhigen Ort in unserem Zuhause schaffen, an den wir uns dann ein oder zwei Stunden lang zurückziehen. Ja, manche Frauen können das vielleicht.
Aber die Rauhnächte sind nicht kostbar, weil wir uns zurückziehen, sondern weil sie selbst einen Raum öffnen, in dem wir uns überhaupt erst wieder wahrnehmen können.
Alltagstauglich werden sie in dem Moment, in dem ich aufhöre zu denken: „Ich brauche eine halbe Stunde Stille“, und stattdessen beginne zu fragen:
„Wo ist mein Moment – ganz genau hier?“
Vielleicht während ich Kartoffeln schäle. Vielleicht während ich das Licht auf dem Küchenboden sehe. Vielleicht während ich dem kleinen Zauberer die Hand halte, während er nicht aufhören kann zu weinen. Vielleicht während ich kurz das Gesicht ins kalte Abendlicht halte, bevor ich die Tür hinter mir schließe. Vielleicht nachts, wenn alle schlafen und ich für sieben Minuten nichts weiter tue als atmen.
Das könnten sie sein – meine Rauhnachtsmomente. Klein. Echt. Ehrlich. Sie verlangen nichts – sie schenken. Sie sind nicht perfekt – sie sind wahr. Sie sind die magischen kleinen Momente mitten im Alltag, die das Leben schenkt, ganz ohne Tamtam und Glitzerschleife drum.
✨ Und dann gibt es die anderen Momente.
Die tiefen. Die mit Kerzen, mit Schreiben, mit Räucherwerk.
Denn ja, ich liebe Rituale. Ich liebe meinen Altar. Ich liebe das Sitzen im Kerzenschein, wenn die Welt hinter mir leiser wird und ich mich in meine Seele hinein atme.
Diese Momente sind kostbar. Und ich möchte sie nicht missen. Aber:
Sie dürfen entstehen – sie sollten nicht zur Pflicht werden. Denn genau hier gerät alles aus der Balance. Denn Magie verliert ihre Kraft, wenn sie gefordert wird. Aber sie wird unendlich tief, wenn sie eingeladen wird.
Ich möchte planen dürfen, weil Planung Vorfreude ist. Ich möchte mich hinsetzen dürfen, weil Hinsetzen ein Geschenk ist. Ich möchte räuchern dürfen, weil der Duft mich trägt.
Aber ich möchte nicht unglücklich sein, wenn der Plan nicht klappt. Weil das Leben dazwischenkommt. Weil Müdigkeit dazwischenkommt. Weil das Menschsein dazwischenkommt. Und weil der Alltag eben auch nicht einfach verschwindet, weil wir Jahresende haben.
🌿 Das Alltägliche ist ein heiliger Raum.
Im Alltäglichen dürfen auch die bewusst gesetzten heiligen Räume entstehen.
Doch, ich kenne mein Leben: Es gibt Abende, an denen ich fühle: „Heute kann ich nicht. Heute bin ich einfach nur müde.“ Dann ist das auch ein heiliger Moment.
Und es gibt Abende, an denen ich spüre: „Heute setze ich mich hin. Heute schreibe ich. Heute räuchere ich mit Styrax und tauche ein in die Liebe meiner Seele.“ Dann ist das ein heiliger Moment.
Die Rauhnächte sind ein Zwischenraum, in dem das Leben und das Heilige miteinander atmen dürfen.
Beide — die kleinen Momente und die tiefen Momente — sind gleichermaßen wertvoll. Gleichermaßen richtig. Gleichermaßen Rauhnachtsmagie. Und ich darf erkennen, wenn sie kommen.
Und so wird das Alltägliche selbst zum heiligen Raum:
Der warme Wasserdampf beim Abwasch. Der Moment an der Garderobe, in dem ich mich kurz auf meine Füße stellte. Der Atemzug im Badezimmer, bevor ich das Licht ausschalte. Der Blick in den Himmel, während es regnet und ich sowieso draußen bin. Die Sekunden, die niemand sieht, in denen ich mich kurz erinnere: „Ich bin hier. Und die Erde hält mich.“
Die Rauhnächte passieren nicht außerhalb meines Lebens. Sie sind die kleine, leise Schicht unter allem, wie ein zweiter Herzschlag, der erst spürbar wird, wenn ich zwei Sekunden lang still werde.
Es ist kein „zusätzlich“. Es ist ein inneres Nach-vorne-Treten. Eine Haltung von Bewusstheit, die sogar – gerade! – inmitten des Chaos Platz findet. Und vielleicht ist es genau das, was Spiritualität in dieser modernen Welt sein darf:
Kein Rückzug, sondern ein Blick nach innen, mitten im Leben.
✨ Urlaub für die Seele – was das wirklich bedeutet
Urlaub bedeutet doch nicht, dass ich einfach weiterarbeite und zwischendurch mal tief atme. Das ist kein Urlaub.
Urlaub bedeutet: Etwas bleibt liegen. Etwas kommt nicht in meinen Bereich. Etwas verlässt für eine Weile meinen Kopf.
Ich muss dann nicht alles blinkiblanki putzen. Ich muss dann nicht funktionieren. Ich muss dann nichts von meiner Liste abhaken. Ich muss niemanden beeindrucken, nicht aufholen, nicht leisten, nicht „aber eigentlich müsste ich noch…“ Nichts davon. Ich hab frei. Einfach frei.
Wenn wir ehrlich sind: Viele Menschen stopfen sogar ihren Urlaub noch voll, damit er „sich lohnt“. Aber Seele kennt dieses Konzept nicht. Seele funktioniert nicht in Effizienz.
Für die Seele bedeutet Urlaub etwas ganz anderes: Sie darf weich werden. Sie darf leiser werden. Sie darf hörbar werden. Und sie darf endlich einmal nicht überhört werden.
Urlaub heiß hiert: Ich schaffe Raum, in dem meine Seele mir sagen darf, was sie braucht, wer sie ist und wofür sie hier ist.
In den zwölf Tagen der Rauhnächte geht es genau darum: meiner Seele zuzuhören.
Nicht, mein Leben noch voller zu machen. Nicht, noch ein To-do hinzuzufügen. Nicht, noch ein Programm oben draufzulegen.
Weil das alles gegenläufig wäre. Es wäre ein Arbeiten GEGEN die Seele. Und das spürt man sofort. Dann trocknet die Magie aus, und die Rauhnächte werden zu Stressnächten.
Aber wenn sich ein Zeitfenster öffnet – zehn Minuten, fünf Minuten, zwei Atemzüge – dann kann ich mich hinsetzen – und mit dem Handy in der Hand durch Insta scrollen oder Nachrichten lesen oder irgendein Spiel daddeln – ODER mich fragen:
„Wo bist du, Seele? Wie geht es dir?
Was brauchst du eigentlich?
‚Wie können wir beide atmen – wirklich gemeinsam? Für Kraft für´s Leben?“
Und das ist der Moment, in dem Stille zur Heimat wird.
Das ist der Moment, in dem die Rauhnächte wirklich beginnen.
🌙 Eine Einladung an dich – für dieses Jahr
Ich lade dich dieses Jahr ein, die Rauhnächte nicht als weitere Aufgabe auf deine ohnehin volle To-do-Liste zu setzen. Mach sie nicht zu einer Pflicht, nicht zu einem Programm, nicht zu einem „Ich sollte…“.
Sondern nimm sie als Einladung, etwas wegzulassen.
Lass das Daddeln weg.
Lass das ewige Vergleichen weg.
Lass das schnelle Schimpfen weg.
Lass die Undankbarkeit weg, die uns manchmal einfach überrollt.
Lass das Hinterherrennen hinter Geschenken weg, hinter Erwartungen, hinter Perfektion.
Lass mal all das weg, was deine Seele klein macht und deinen Atem kurz.
Und nimm stattdessen die Momente, die dadurch frei werden – diese fünf Minuten, diese sieben Atemzüge, diese kleinen Zwischenräume – für deine Seele.
Setz dich hin. Schließ die Augen. Hör zu.
Hör deiner Seele zu.
Denn wenn du anfängst, ihr wirklich zuzuhören, wird sie dir etwas sagen.
Leise. Sanft. Und klar. Warm. Unverwechselbar.
Vielleicht sagt sie dir etwas, das du längst wusstest und vergessen hast. Vielleicht zeigt sie dir einen Weg, den du schon spürst. Vielleicht erinnert sie dich an etwas, das schon immer in dir war.
Und vielleicht werden das genau deshalb die schönsten, ehrlichsten Rauhnächte deines Lebens – ganz unabhängig von Räucherwerk, von Tagesthemen, von 13 Wünschen, von Regeln oder Ritualen.
Einfach, weil du in diesen zwölf Tagen etwas tust, was wir Menschen so selten tun:
Du hörst deiner Seele zu.
Und du nimmst sie ernst.
Und das ist vielleicht
das tiefste Rauhnachtsritual überhaupt.
Denn wo die Seele gehört wird, beginnt ein neues Jahr – in dir. 🌙✨
Hab eine gesegnete Zeit!
Deine Susanne
