Das Leben

Samhain – wenn der Schleier zwischen den Welten dünner wird 🍂🕯️

Eine Einladung zum Erinnern, Loslassen und Heimkehren zu uns selbst – auch dieses Jahr 2026 wieder.

Am 31. Oktober feiern viele Menschen Halloween. Kinder ziehen als kleine Hexen und Gespenster durch die Straßen, Kürbisse leuchten vor den Häusern und überall begegnen uns gruselige Gestalten.

In diesen Tagen begegnen mir wieder Beiträge von Menschen, die sich voller Überzeugung zum christlichen Glauben bekennen und gleichzeitig Halloween, Samhain und die damit verbundenen alten Überlieferungen verteufeln. Da wird vor dem Bösen gewarnt, von dunklen Mächten gesprochen und mitunter der Eindruck vermittelt, die Christen gehören zu den besseren Menschen, weil sie sich von „solchen Festen“ fernhalten.

Und jedes Jahr frage ich mich aufs Neue, wie es eigentlich sein kann, dass Menschen für ihren eigenen Glauben Achtung und Respekt erwarten, während sie sich gleichzeitig das Recht herausnehmen, den Glauben anderer Menschen herabzuwürdigen.

Es gibt dafür ein altes Wort: Hochmut.
Ausgerechnet in einer Religion, die Demut und Nächstenliebe zu ihren wesentlichen Tugenden zählt, sollte man mit diesem Wort etwas anfangen können.

Ich habe überhaupt kein Bedürfnis, einem Christen seinen Glauben an Jesus abzusprechen, ihn lächerlich zu machen oder ihm vorzuschreiben, welche Feste er feiern darf. Warum sollte ich auch? Sein Glaube gehört ihm, so wie mein spiritueller Weg zu mir gehört. Wir müssen nicht dieselben Überzeugungen teilen, um einander mit Achtung zu begegnen.

Aber ich möchte ebenso wenig hinnehmen, dass die alten naturspirituellen Überlieferungen, die Verbindung zu unseren Ahnen oder die Ehrfurcht vor den Kreisläufen der Natur kurzerhand dem Bösen zugeschrieben werden, nur weil sie nicht in das eigene religiöse Weltbild passen.
Wer Samhain feiert, erklärt damit keinen Krieg gegen das Christentum. Und wer seiner Ahnen gedenkt, schmälert damit nicht den Glauben eines anderen Menschen. Vielleicht beginnt wahrhaftige Demut gerade dort, wo wir begreifen, dass unser eigener Weg zum Heiligen nicht der einzige sein muss.

Es ist die Geschichte von Samhain.

Hinter dem modernen Halloween liegt eine Geschichte, die sehr alt ist. Eine Geschichte, die von der tiefen Verbundenheit unserer Vorfahren mit der Natur erzählt. Von Leben und Sterben, von Abschied und Wiederkehr, von der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.

Samhain war eines der bedeutenden Feste im alten irischen Jahreskreis. Es bezeichnete den Übergang von der hellen zur dunklen Jahreshälfte. Die Ernte war eingebracht, die Felder wurden still, die Vorräte für den Winter waren angelegt. Die Menschen versammelten sich, feierten gemeinsam, teilten ihre Speisen und bereiteten sich auf die kommende dunkle Jahreszeit vor.

In den alten irischen Erzählungen ist Samhain auch eine besondere Schwellenzeit. Eine Zeit, in der sich die gewöhnliche Welt und die geheimnisvolle Anderswelt begegnen konnten. Bis heute sprechen Menschen in naturspirituellen Traditionen davon, dass der Schleier zwischen den Welten in dieser Nacht besonders dünn sei. Und vielleicht ist es gerade diese Vorstellung, die mich so tief berührt. Dass es Zeiten geben darf, in denen wir nicht nur auf das Sichtbare schauen. In denen wir uns erinnern, dass wir Teil einer langen Geschichte sind. Dass vor uns Menschen gelebt, geliebt, gehofft, gelitten und geträumt haben. Menschen, deren Spuren wir in uns tragen, auch wenn wir ihre Namen längst nicht mehr kennen.

Samhain ist für mich deshalb auch eine Nacht der Ahnen.

In später überlieferten irischen Bräuchen wurde den Verstorbenen ein Platz am heimischen Herd bereitet. Man ließ Speisen stehen, hielt das Feuer warm und erinnerte sich an jene, die nicht mehr unter den Lebenden weilten. Auch Orakel gehörten zu den Herbstbräuchen. Äpfel, Nüsse und andere kleine Zeichen sollten etwas über die Zukunft verraten. Es wurde erzählt, gegessen, gelacht und gefeiert. Denn Samhain war keineswegs nur ein düsteres Fest.

Es war auch ein Fest des Lebens.

Heute greifen viele Hexen und naturspirituelle Menschen diese alten Vorstellungen wieder auf. Sie entzünden Kerzen für ihre Ahnen, bereiten einen besonderen Platz am Tisch, befragen Orakel, halten Rituale ab oder verbringen die Nacht bewusst in Stille. Manche verabschieden symbolisch das, was in ihrem Leben zu Ende gegangen ist. Andere wenden sich ihren Träumen zu oder suchen die Verbindung zu ihren Verstorbenen.

Nicht alle diese Rituale sind unverändert aus vorchristlicher Zeit überliefert. Vieles hat sich über Jahrhunderte gewandelt oder wurde in der heutigen Hexenpraxis neu gestaltet. Aber vielleicht ist das gerade das Wesen einer lebendigen Tradition: dass sie mit den Menschen weiterlebt und immer wieder neue Ausdrucksformen findet.

Was mich an Samhain besonders bewegt, ist die Anerkennung der Dunkelheit.

Wir leben in einer Zeit, in der wir möglichst immer wachsen, leisten, funktionieren und uns weiterentwickeln sollen. Selbst schwere Erfahrungen sollen wir möglichst schnell überwinden und gestärkt daraus hervorgehen.

Aber die Natur verlangt das nicht. Ein Baum, der im Herbst seine Blätter verliert, hat nicht versagt. Die Erde, die im Winter ruht, ist nicht weniger lebendig. Und auch wir Menschen müssen nicht zu jeder Zeit blühen.

Es gibt Zeiten, in denen etwas sterben muss, damit etwas anderes seinen Platz finden kann.

Alte Vorstellungen von uns selbst. Hoffnungen, an denen wir lange festgehalten haben. Erwartungen, die uns erschöpft haben. Lebensentwürfe, die vielleicht einmal richtig waren, heute aber nicht mehr zu uns passen.

Und manchmal geht es gar nicht darum, etwas Neues entstehen zu lassen. Manchmal geht es einfach darum, zu betrauern, was verloren gegangen ist. Auch das ist ein wichtiger Prozess, der nur zu oft übersprungen wird, denn er ist wenig bequem.

Ich glaube, gerade 2026 war für viele Menschen ein solches Jahr.

Ein Jahr, das uns viel abverlangt hat. Das uns mit unseren Grenzen konfrontiert und uns an manchen Stellen gezwungen hat, Dinge anzusehen, vor denen wir vielleicht lieber davongelaufen wären. Vielleicht haben wir uns selbst in diesem Jahr nicht immer wiedererkannt. Vielleicht mussten wir stärker sein, als wir sein wollten. Vielleicht haben wir etwas verloren, das uns sehr viel bedeutet hat. Und vielleicht sind wir müde geworden vom ständigen Versuchen, alles zusammenzuhalten.

Deshalb möchte ich dich in diesem Jahr zu einem kleinen Samhainritual einladen.

Du brauchst dafür keinen besonderen Altar und keine aufwendige Zeremonie. Eine Kerze, ein ruhiger Ort und ein wenig Zeit für dich selbst genügen.

Wenn du magst, stelle ein Foto oder einen Gegenstand dazu, der dich mit einem lieben verstorbenen Menschen verbindet. Vielleicht möchtest du auch eine Tasse Tee bereitstellen oder ein Stück Brot teilen.

Und dann lade ich dich ein, mit vier Fragen noch einmal durch dieses Jahr zu wandern.

🌱 Frühling – Die Zeit des Erwachens

Welche Hoffnung habe ich zu Beginn dieses Jahres in mir getragen – und was ist aus ihr geworden, als das Leben andere Wege von mir verlangte?

Was hat mich durch die Dunkelheit getragen, als das Jahr begann und vieles noch unklar war, welche Menschen, Gewohnheiten oder inneren Stimmen haben mir Halt gegeben, und was davon möchte ich mit in den nächsten Winter nehmen?
Was wollte in mir wachsen, obwohl die Umstände schwierig waren? Welche zarte Idee, welcher Wunsch oder welche Wahrheit hat sich selbst unter Druck ans Licht gewagt, und wie kann ich sie weiter behüten?
Vielleicht kannst du dich noch daran erinnern, mit welchen Wünschen du in dieses Jahr gegangen bist. Was du dir vorgenommen, worauf du dich gefreut und wovon du geträumt hast.

Begegne diesen Hoffnungen mit Zärtlichkeit. Auch dann, wenn nicht alles daraus geworden ist, was du dir gewünscht hast.

☀️ Sommer – Die Zeit der Fülle und der Prüfungen

Wo bin ich in diesem Jahr über meine eigenen Grenzen gegangen, um etwas aufrechtzuerhalten – und welchen Preis hat meine Seele dafür bezahlt?

Wo habe ich über meine Kräfte hinaus durchgehalten, und was hat mich das gekostet?
Wofür bin ich meinem Körper, meiner Seele und mir selbst noch Dank, Ruhe oder Fürsorge schuldig?
Vielleicht hast du mehr getragen, als andere sehen konnten. Vielleicht hast du funktioniert, obwohl du längst erschöpft warst.

Du musst deine Erschöpfung nicht schönreden und deinem Leid auch keinen höheren Sinn geben. Es darf einfach anerkannt werden.

🍂 Herbst – Die Zeit der Ernte und des Loslassens

Was hat dieses Jahr unwiderruflich in mir verändert – und welchen Teil meines alten Selbst bin ich nun bereit, in Liebe zu verabschieden?

Was darf ich jetzt der Erde zurückgeben? Welche Last, welche Erwartung, welcher Abschied oder welcher Teil meiner selbst hat seine Zeit gehabt, damit in der Stille des Winters etwas Neues entstehen kann?
Nicht jede Veränderung fühlt sich zunächst wie ein Geschenk an. Manche Erkenntnis tut weh. Mancher Abschied geschieht nicht freiwillig.

Und doch dürfen wir irgendwann entscheiden, was wir nicht länger mit uns tragen möchten.

Vielleicht ist heute der Abend, an dem du etwas davon behutsam ablegen kannst.

🌙 Winter – Die Zeit der Stille und des Verborgenen

Was ist trotz allem in mir lebendig geblieben – und was möchte ich durch die kommende Dunkelheit behüten, bis seine Zeit gekommen ist?

Vielleicht ist da noch immer eine Sehnsucht. Ein kleiner Funke Freude. Ein Traum, den du beinahe vergessen hattest. Oder ein Teil von dir, der sich trotz aller Schwierigkeiten seine Liebe zum Leben bewahrt hat. Du musst daraus heute noch nichts machen. Vielleicht genügt es, diesem kleinen Licht einen geschützten Platz in deinem Herzen zu schenken.

Wenn du deine vier Fragen betrachtet hast, bleibe noch einen Augenblick bei deiner Kerze sitzen. Du musst auch die Fragen nicht gleich beantworten. Sie dürfen auch einfach eine Zeitlang in dir arbeiten.

Vielleicht möchtest du jetzt auch den Menschen danken, die vor dir gegangen sind. Vielleicht möchtest du in Gedanken einem geliebten Verstorbenen begegnen. Vielleicht möchtest du einfach nur still werden und spüren, dass du Teil dieses großen Kreislaufs bist, in dem Werden und Vergehen untrennbar miteinander verbunden sind. Manchmal ist schon das bewusste Erinnern eine tiefe Form der Verbundenheit.

Und wenn du dann mit deinen Kindern Kürbisse schnitzt, dich verkleidest oder lachend Süßigkeiten verteilst, dann darf auch das seinen Platz haben. Denn das Leben möchte nicht nur betrauert, sondern auch gefeiert werden.

Für mich stehen diese beiden Seiten nicht im Widerspruch zueinander.

Ebenso wenig muss die Achtung vor alten naturspirituellen Traditionen bedeuten, den Glauben anderer Menschen abzuwerten. Jeder Mensch darf seinen eigenen Zugang zum Heiligen finden.

Wir müssen nicht dieselben Wege gehen, um einander mit Achtung zu begegnen.

So wünsche ich dir für diese besondere Nacht einen friedlichen Übergang in die dunkle Jahreszeit.

Ein Segensgruß für dich

Mögest du in Liebe verabschieden können, was vergangen ist.
Mögest du die Menschen und Wesen in deinem Herzen bewahren, die dir vorausgegangen sind.
Mögest du Frieden schließen mit dem, was dieses Jahr von dir verlangt hat.
Und mögest du niemals vergessen, dass auch in der tiefsten Dunkelheit das Leben in dir weiteratmet.

Gesegnetes Samhain. 🕯️🍂🌙

Von Herzen,
Susanne

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