Das Leben

Wenn Liebe nicht mehr hungrig ist

Ich brauche dich nicht, um ganz zu sein – und vielleicht kann ich dich gerade deshalb zum ersten Mal wirklich lieben

Es ist schon seltsam mit der Liebe – beziehungsweise dem, was wir Menschen Liebe nennen.

Sie kommt selten dann zurück, wenn man sie verzweifelt sucht. Auch nicht in dem Augenblick, in dem man hofft, dass der andere einen endlich wieder ansieht. Und vor allem nicht in einem großen romantischen Moment, in dem plötzlich alles vergeben, vergessen und wieder heil ist. Wenn überhaupt, dann kehrt sie ganz leise zurück. In einem Gespräch. In einem Satz, den der andere sagt. In einem Blick hinter eine Fassade, von der man nach vielen gemeinsamen Jahren längst glaubte, man kenne alles, was sich dahinter verbirgt.

Warum haben wir Menschen so viele Fassaden und Masken? Warum vertrauen wir einander so wenig, dass wir uns derart voreinander verstecken? Wie soll ein Mensch uns wahrhaft kennen, wenn wir den wichtigsten Teil so tief verbergen – vielleicht sogar vor uns selbst? Doch jede Fassade bröckelt. Dann und wann. Immer wieder. Und manchmal wird sie mit einem Ruck weggerissen. Vermutlich gefällt uns selbst nicht, was darunter sichtbar wird. Irgendwie glauben wir uns dafür schämen zu müssen. Vielleicht haben wir diesen Teil so lange verborgen, dass wir ihn kaum noch als zu uns gehörig erkennen.

Liebe kann doch eigentlich erst dort entstehen, wo das, was zum Vorschein kommt, nicht mehr sofort fortgeschoben wird. Wo ich selbst bereit bin, es als Teil von mir anzunehmen – und wo auch mein Gegenüber mich wirklich sehen kann. Und wenn das, was da sichtbar ist nicht gefällt? Das ist es doch, wovor wir alle solche Angst haben, nicht wahr? Warum eigentlich? Wenn dem Gegenüber ein innerer Teil nicht gefällt, dann wird es ihm nicht gefallen, egal wie sehr man diesen Teil versteckt.

Es ist schwer, einer Bewegung zu vertrauen, die nie weiß, ob sie sich verstecken, weiter bleiben oder fliehen will. Schwer für den Menschen, der ihr begegnet. Aber auch schwer für den Menschen, der diese Bewegung in sich trägt. Denn wer immer wieder flieht, tut das nicht unbedingt, weil ihm nichts bedeutet. Manchmal flieht er gerade deshalb, weil etwas zu viel bedeutet. Weil Nähe alte Ängste berührt. Weil Gesehenwerden nicht nur schön ist, sondern auch gefährlich erscheint.

Ich kenne diese Bewegung. Das Fortgehen, bevor jemand anderes es tun könnte. Das Suchen nach den richtigen Worten, nach der richtigen Geste und manchmal sogar nach einer neuen Version von mir, die leichter zu lieben wäre. Das anpassen, damit nichts sichtbar ist, was vielleicht komisch wäre. Das sich verdrehen, damit bloß nichts auffälliges rausschaut.

Ich glaube daran, dass Vertrauen ein Geschenk ist. Ich kann einem Menschen mein Vertrauen und mein offenes Herz schenken. Ich kann beständiger werden und lernen, nicht bei jedem Aufflackern meiner alten Angst wieder davonzulaufen.

Mehr kann ich nicht tun. Und mehr sollte ich auch nicht tun müssen.

Ein Leben lang gefallen wollen

Ich bin 48 Jahre alt. Und wenn ich ehrlich zurückblicke, habe ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, anderen Menschen gefallen zu wollen. Ich habe mich verdreht und verbogen. Ich habe versucht herauszufinden, wie ich sein muss, damit jemand bei mir bleibt. Welche Teile von mir angenehm sind. Welche zu laut, zu kompliziert, zu empfindlich oder zu eigenwillig sein könnten. Ich habe mich angepasst, erklärt, zurückgenommen und manchmal so lange in den Augen eines anderen nach mir gesucht, bis ich mein eigenes Gesicht nicht mehr erkennen konnte.

Dieses Muster beginnt mit unserem allerersten Herzschlag. Es geht weiter, wenn wir unseren ersten Atemzug tun. Wenn wir lernen, dass Zugehörigkeit davon abhängt, wie gut wir Erwartungen erfüllen. Wenn wir spüren, dass Liebe nur sicher ist, solange wir nicht zu viel Raum beanspruchen. Wenn wir beginnen, jede Stimmung im Raum zu lesen, bevor wir überhaupt wahrnehmen, wie es uns selbst geht. Wenn wir lernen, dass wir selbst keine Rolle spielen dürfen und uns irgendwo in einer Form von Gemeinschaft auflösen müssen, damit wir überhaupt eine Form von Daseinsberechtigung haben.

Irgendwann wird das Gefallenwollen zu einer zweiten Haut. Zur einzigen erkennbaren Funktionstüchtigkeit. Von außen sieht es vielleicht nach Liebenswürdigkeit aus, nach Rücksicht oder besonderer Einfühlsamkeit. Doch unter dieser Haut lebt oft eine alte Angst: Wenn ich wirklich ich bin, werde ich verlassen. Weil das, was da unten wohnt, ist nicht gut genug.

Also verlassen wir uns lieber zuerst selbst. Wir sagen Ja, obwohl etwas in uns Nein flüstert. Wir werden leiser, obwohl etwas gesagt werden möchte. Wir zeigen nur die Seiten, von denen wir hoffen, dass sie geliebt werden können. Dass sie es wert sind, gesehen zu werden. Wir tun möglicherweise Dinge, die echt schräg sind: plustern uns auf, behängen uns mit whatever, verändern unseren Körper auf die interessantesten Arten und behandeln und selbst wie eine Leinwand, die bearbeitet werden muss. Und wenn eine Beziehung trotzdem scheitert oder die Liebe des anderen sich verändert, glauben wir, wir hätten uns nur noch mehr anstrengen müssen. Noch mehr bearbeiten müssen.

Das Tragische daran ist: Selbst wenn der andere bleibt, wissen wir nie, ob er wirklich uns liebt – oder nur die Gestalt, die wir für ihn angenommen haben.

Und vielleicht ist genau das eine der einsamsten Arten, mit einem Menschen zusammen zu sein.

Ich will mich nicht noch einmal verlassen

Erst jetzt finde ich nach und nach heraus, wer ich eigentlich bin. Also keine fertige Antwort, sondern ein Weg. Ein Weg hin zu einer Frau, die mir selbst teilweise noch immer fremd ist. Eine Frau, die gleichermaßen stark und schwach ist, die Töne in sich trägt, die grob sind – und auch welche, die fein sind. Eine Frau, die eben nicht nur leise kann, sondern auch krass laut. Ich schwanke noch. Ich habe weiterhin Angst. Manches in mir möchte noch immer davonlaufen, weil Nähe noch immer gefährlich aussieht oder eine Wahrheit wehtut.

Aber ich möchte nicht mehr automatisch mitlaufen, wenn meine Angst die Flucht ergreift. Ich möchte diesem alten Muster aus meiner Kindheit nicht weiter folgen wie eine willenlose Marionette.

Vielleicht bedeutet Beständigkeit gar nicht, niemals mehr zu zweifeln. Vielleicht bedeutet sie, nach dem Zweifel wieder zu sich zurückzukehren. Nicht aus jedem inneren Wetter sofort eine endgültige Entscheidung zu machen. Nicht die Beziehung zu verlassen, bevor der andere die Möglichkeit bekommt, mich zu verletzen. Aber auch nicht bei einem Menschen zu bleiben, indem ich mich selbst aufgebe. Denn bleiben beginnt für mich nicht mehr damit, beim anderen zu bleiben. Bleiben beginnt damit, bei mir zu bleiben. Selbst dann, wenn eine dicke Fassade im Sturm davongeflogen ist und meine rohe Haut darunter vernarbt und gar nicht schön ist.

Ich möchte einem Menschen zutrauen, dass er mich so mögen kann, wie ich bin. Nicht weil ich die Gewissheit hätte, dass ihm jede Seite an mir gefallen wird. Sondern weil Vertrauen auch bedeutet, dem anderen nicht schon im Voraus seine Ablehnung zu unterstellen. Und weil echte Begegnung nur dort möglich ist, wo ich aufhöre, mich vorsorglich zu verändern. Vertrauen bedeutet auch miteinander Seiten auszuhalten, die eben nicht einfach nur easy peasy sind. Ganz ehrlich? Im Leben kommt soviel Sturm, soviel Schmerz einfach mit. Blätter fallen im Herbst, etwas stirbt. Bei JEDEM von uns. Und das sieht oft nicht schön aus. Ist das ein Grund jemanden abzulehnen? Wenn eine Schlange sich häutet ist das ein sehr merkwürdiger Anblick. Erst danach, wenn die frische, glänzende, glitzernde Haut da ist, ist sie wieder eine echte Schönheit. Aber in ihren Grundfesten ist es dieselbe Schlange. Hat sie nur verdient als das Wunderwerk angesehen zu werden, wenn sie glitzert – oder auch dann, wenn sie mitten im Häutungsprozess ist? Vielleicht dürfen wir ja unserem Gegenüber zutrauen, dass sie/er diesen Prozess mit Wertschätzung und Respekt beachtet und nicht mit Ablehnung.

Ich möchte mich zeigen können, ohne mich zu bewerben. Hier bin ich. Nicht die pflegeleichtere Version. Nicht die Frau, von der ich glaube, dass du sie lieber hättest. Nicht die, die ihre Bedürfnisse errät, bevor sie sie selbst spürt. Sondern ich. Widersprüchlich, lebendig, manchmal mutig und manchmal voller Angst. Manchmal hässlich und manchmal schön. Meistens praktisch und mit weniger Humor, manchmal mit einer Kraft und Lebenslust, die ich selbst überrascht.

Und dann darf die Wirklichkeit antworten. Ob zwei Menschen in ihrer heutigen Gestalt noch zueinanderpassen, lässt sich nicht erzwingen. Vielleicht entdecken sie einander neu. Vielleicht entsteht etwas, das nicht versucht, die Vergangenheit wiederherzustellen, sondern aus dem wächst, was beide heute sind. Vielleicht aber auch nicht.

Und wenn es nicht sein soll, dann ist das schmerzhaft. Aber es ist nicht falsch. Denn zwei Menschen, die nur zusammenbleiben können, indem einer von ihnen sich verbiegt, tun sich am Ende immer wieder weh.

Und aus meiner Sicht ist es auch kein Verdienst besonders viele Jahre lang zusammen gewesen zu sein. Ich halte nichts von den bewundernden Ahs und Ohs, wenn man hört: die sind 10, 20, 25, 40 Jahre verheiratet. Das bedeutet doch gar nichts. Das bedeutet vielleicht nur, dass sie 25 Jahre lang nebeneinander existiert haben und es geschafft haben, ihre Fassade zu bewahren. Was daran wäre ein Verdienst?

Vielleicht bin ich zu alt für diese Art von Sehnsucht

Als wir jung waren, haben viele von uns sich nacheinander verzehrt. Wenn der andere nicht da war, schien etwas Wesentliches zu fehlen. Wir wollten uns in seinen Augen spiegeln, wollten gewählt, begehrt und bestätigt werden. Die Liebe stand im Mittelpunkt und mit ihr die große Frage: Bin ich genug, damit du mich liebst? Im Mittelpunkt stand auch Leidenschaft, Fortpflanzungstrieb. Angst und Nichtalleinseinwollen. Vielleicht musste Liebe damals so laut sein, weil wir uns selbst noch nicht hören konnten.

Heute brauche ich keinen anderen Menschen mehr, um mich vollständig zu fühlen. Niemand muss mir meinen Wert geben, eine innere Leerstelle füllen, mich retten oder mir beweisen, dass mein Leben Bedeutung hat.

Das heißt nicht, dass Nähe unwichtig geworden ist. Ich wünsche mir Nähe. Ich wünsche mir Austausch. Ich wünsche mir, dass ein Mensch mich erkennt und dass ich ihn erkennen darf. Aber ich verzehre mich nicht danach. Ich sitze nicht da und warte darauf, dass jemand anderes mir gibt, was mir fehlt. Denn mir fehlt nicht die Hälfte von mir. Und ich brauche auch keine schöne Karte, auf der draufsteht, dass der Topf auf meinen Deckel endlich da ist. War für ein Humbug.

Vielleicht hat sich die Liebe – oder die Vorstellung davon – im Laufe des Lebens tatsächlich verwandelt. Vielleicht wird sie stiller, wenn wir älter werden. Nicht bei allen Menschen und nicht zu jeder Zeit. Aber manchmal verliert sie ihren Hunger. Vielleicht in dem Moment, in dem wir uns nicht mehr fortpflanzen wollen?

Sie sagt nicht mehr: Ich brauche dich, damit ich ganz bin. Sie sagt: Ich bin ganz. Und trotzdem berührt mich dein Wesen.

Das ist keine kleinere Liebe. Vielleicht ist es eine freiere.

Liebe ohne Anspruch

Vielleicht besteht reife Liebe gerade darin, nicht jedes Berührtsein sofort in eine gemeinsame Zukunft verwandeln zu müssen. Ich wünsche mir Nähe, ja. Aber Nähe muss nicht mehr bedeuten, dass ein bestimmtes Ende eintreten muss. Manchmal sehen wir einen Menschen plötzlich neu. Wir erkennen etwas in seinem Wesen, das uns tief berührt, ohne schon zu wissen, welche Form dieses Erkennen annehmen soll. Auch das darf sein. Wir glauben so oft, ein Gefühl müsse sofort zu einer Entscheidung führen. Wenn ich dich liebe, muss ich mit dir zusammen sein wollen. Wenn ich dich vermisse, muss ich dich zurückholen. Wenn du mich nicht willst, muss ich dich entweder überzeugen oder aufhören zu fühlen.

Aber vielleicht gibt es dazwischen einen weiten Raum. Einen Raum, in dem ich anerkennen kann, dass mich dein Wesen berührt, ohne daraus einen Anspruch an dich zu machen. Liebe ohne Anspruch kann auch bedeuten, einem Menschen Nähe, Austausch und ein wirkliches Gesehenwerden zu wünschen, ohne bestimmen zu müssen, ob er eine Rolle in meinem Leben erfüllen soll. Reife Liebe bedeutet nicht, über Trauer, Eifersucht oder Enttäuschung erhaben zu sein. Aber das Nein eines anderen wäre kein Urteil über meinen Wert. Und mein Schmerz müsste mich nicht wieder dazu bringen, mich zu verbiegen. Vielleicht ist Liebe ohne Anspruch genau das: Ich wünsche mir, von dir gewählt zu werden. Aber ich mache mein Ganzsein nicht davon abhängig.

Vertrauen ist keine Garantie

Lange dachte ich, Vertrauen bedeute, sicher zu sein. Sicher, dass der andere bleibt. Sicher, dass er mich liebt. Sicher, dass ich nicht verletzt werde. Ihr alle kennt das Wort „Treue“. Wir fühlen uns sicher, wenn der andere treu ist. Denken wir. Irgendwie funktionieren alle Liebesfilme so. Ehen werden damit geschlossen: bis dass der Tod und so weiter. Haben wir das mal wirklich durchdacht?

Eine solche Sicherheit kann uns doch kein Mensch schenken! Eine solche Sicherheit ist das erste große Fake-News des Lebens, oder nicht?

Vertrauen bedeutet aus meiner Sicht etwas ganz anderes. Ich vertraue darauf, dass ich mich zeigen darf, wie ich bin. Ich vertraue dem anderen zu, mir ehrlich zu begegnen. Und ich vertraue mir selbst, dass ich mich nicht wieder verlasse – ganz gleich, wie seine Wahrheit aussieht. Ich vertraue auf die Veränderbarkeit der Dinge, auf die Endlichkeit der Dinge und auf die Veränderung von allem. Und ich vertraue darauf, dass ich als Teil dieses Prozesses daran wachse – und mein Gegenüber ebenfalls. Jeder in seinem Tempo, deshalb fühlt es sich manchmal quer an, aber dennoch – und was sich heute quer anfühlt, kann doch morgen schon wieder anders sein. Denn wir sind alle morgen nicht mehr dieselben, die wir heute sind.

Dieses Vertrauen ist kein Vertrag, mit dem ich mir ein bestimmtes Ende sichere. Es ist ein Geschenk. An den anderen, weil ich ihn nicht kontrollieren muss. Und an mich, weil ich mir zutraue, auch mit einer Antwort weiterzuleben, die nicht die erhoffte ist. Vielleicht ist genau das die tiefste Form von Treue, die ich gerade lernen kann: nicht die Treue zu einer Beziehung um jeden Preis, bis das der Tod und so weiter, sondern die Treue zu mir selbst.

Ich will nicht mehr weglaufen, nur weil ich Angst habe. Ich will aber auch nicht bleiben, indem ich verschwinde. Ich möchte mit offenem Herzen dort stehen können, wo ich bin. Ohne Beweisführung. Ohne Versprechen, die aus Panik geboren werden. Ohne mich selbst als Gegenleistung für Liebe anzubieten.

Wenn zwei ganze Menschen einander wählen

Vielleicht ist die Liebe in jungen Jahren oft ein Spiegel. Wir suchen im anderen, wer wir sein könnten. Wir brauchen seinen Blick, um uns selbst zu erkennen. Und vielleicht kann Liebe später zu einem Fenster werden.

Ich schaue nicht mehr in deine Augen, um mich darin zu finden. Ich schaue durch sie hindurch in deine Welt. Ich will wissen, wer du bist – nicht nur, was ich dir bedeute.

Ich muss dich nicht besitzen, um von dir berührt zu sein. Ich muss mich nicht aufgeben, um dir nahe zu sein. Ich muss dich nicht brauchen, damit meine Entscheidung für dich Bedeutung hat.

Im Gegenteil: Vielleicht wird das Wählen erst dort wirklich frei, wo das Brauchen endet. Wenn zwei Menschen einander aus Mangel wählen, entsteht schnell eine unsichtbare Aufgabe: Du musst mir geben, was mir fehlt. Du musst meine Wunden beruhigen, meine Angst besänftigen, meine Einsamkeit beenden und mir bestätigen, dass ich liebenswert bin. Du musst meinen Topf bedeckeln. Kein Mensch kann diese Aufgabe dauerhaft erfüllen. Kein Mensch wird einfach nur eine Aufgabe sein wollen.

Wenn zwei Menschen sich dagegen als ganze Wesen begegnen, dürfen sie einander bereichern, ohne einander vervollständigen zu müssen. Nähe wird dann nicht zur Versorgung einer Leerstelle, sondern zu einem freiwilligen Berühren zweier Leben.

Vielleicht klingt das weniger leidenschaftlich als die große, hungrige Liebe unserer Jugend. Für mich fühlt es sich gerade tiefer an. Es ist eine Liebe, die nicht sagt: Ohne dich kann ich nicht sein. Sie sagt:

Ich kann allein ganz sein.
Und trotzdem berührt mich dein Wesen.
Wenn wir einander wählen, dann nicht aus Mangel,
sondern aus Freiheit.

Ich weiß noch nicht, wohin diese Erkenntnis mich führt. Ich weiß nicht, welche Beziehungen sich durch sie verändern werden. Und ich weiß nicht immer sicher, was ich mir wünsche. Aber vielleicht muss ich das heute auch noch nicht wissen. Heute genügt es, dass ich nicht wieder vor mir selbst davonlaufe. Dass ich mein Herz offenhalten möchte, ohne es dem anderen als Verpflichtung hinzulegen. Dass ich lieben darf, ohne mich zu verlieren.

Und dass ich langsam begreife: Ganzsein bedeutet nicht, niemanden mehr zu wollen. Es bedeutet, den anderen nicht mehr zu brauchen, um bei sich selbst zu Hause zu sein.

Vielleicht beginnt genau dort eine Liebe, die nicht mehr hungrig ist. Eine Liebe, die frei genug ist, die Wahrheit auszuhalten. Und zart genug, sich trotzdem berühren zu lassen.

Und wenn selbst das noch gar nicht die Liebe ist?

Während ich diese letzten Sätze schreibe, merke ich, dass sich in mir noch eine andere Frage öffnet.

Vielleicht habe ich auch hier das Wort Liebe noch zu schnell benutzt. Zu sehr im Mainstream gedacht.

Vielleicht ist das, was wir Menschen in unseren Beziehungen hin und her bewegen, gar nicht die Liebe selbst. Vielleicht ist es nur ein winziges Teilchen davon. Ein Tausendstel. Ein kleines Puzzlestück, das wir zwischen zwei Menschen legen und dann so betrachten, als wäre es bereits das ganze Bild. Denn wenn Liebe wirklich das ist, wofür ich sie halte – eine Grundessenz, eine der Kräfte, aus denen diese Welt gemacht ist –, dann kann sie nicht nur das sein, was zwischen zwei Menschen geschieht, die einander begehren, vermissen, wählen oder wieder verlassen, sich Schmerz zufügen, sogar umbringen, die beginnen sich zu Hassen und dann glauben, dass Liebe auf derselben Münze steht wie Hass. Die ihre Herzen verschließen weil wie glauben, dass sie dann nicht mehr verletzt werden können.

Liebe ist größer als unsere Beziehungen. Größer als Verliebtheit. Größer als Partnerschaft. Und auch größer als das Gefühl, das wir in der Nähe eines bestimmten Menschen empfinden. Vielleicht ist Liebe nicht in erster Linie etwas, das wir fühlen. Vielleicht ist sie etwas, das allem zugrunde liegt. Eine Bewegung, die das Leben zum Leben hinzieht. Eine Kraft, die nicht fragt, ob sie erwidert wird. Die nicht größer wird, wenn jemand bleibt, und nicht aufhört zu existieren, wenn jemand geht.

Wenn ich Liebe so verstehe, dann muss ich mir eingestehen, dass wir sehr vieles Liebe nennen, was eigentlich einen anderen Namen bräuchte.

Wir nennen den Hunger Liebe

Wir sagen: Ich liebe dich.
Und manchmal meinen wir: Ich begehre dich.
Wir meinen: Ich möchte mich in deinen Augen als schön, wichtig und besonders erleben.
Wir meinen: Ich will nicht mehr allein sein.
Wir meinen: Bitte entscheide dich für mich, damit ich nicht mehr an meinem Wert zweifeln muss.
Wir meinen: Bleib bei mir, denn ich weiß nicht, wer ich bin, wenn du gehst.
Wir meinen: Du passt in das Bild, das ich mir von meinem Leben gemacht habe.
Wir meinen: Dein Körper zieht mich an. Deine Nähe beruhigt mich. Deine Aufmerksamkeit macht mich lebendig. Mit dir fühle ich mich nicht mehr wie ein einzelner Mensch, der allein durch diese große Welt gehen muss.

All das ist menschlich. All das darf sein.

Begehren ist nicht falsch. Leidenschaft ist nicht oberflächlich. Der Wunsch nach Bindung ist keine Schwäche. Auch das Bedürfnis, für jemanden wichtig zu sein, gehört zu uns. Wir sind Wesen, die einander brauchen, berühren, halten und erkennen wollen. Aber vielleicht tun wir uns keinen Gefallen damit, all diese unterschiedlichen Bewegungen unter einem einzigen großen Wort zu versammeln. Denn sobald wir alles Liebe nennen, können wir kaum noch erkennen, was gerade wirklich in uns geschieht.

Dann halten wir Verlustangst für Liebe. Wir verwechseln Eifersucht mit der Tiefe unserer Gefühle. Wir deuten das Verzehren nach einem unerreichbaren Menschen als Beweis dafür, dass er der eine, große Mensch für uns sein müsse. Wir nennen es Liebe, wenn wir uns an jemanden klammern, weil seine Abwesenheit eine alte Wunde in uns öffnet. Und manchmal nennen wir sogar Kontrolle Liebe, weil wir nicht ertragen, dass der andere ein eigenes Leben besitzt.

Vielleicht wäre vieles einfacher – und zugleich ehrlicher –, wenn wir genauer sprächen.

Nicht: Ich liebe dich so sehr, deshalb darfst du mich nicht verlassen.
Sondern: Ich habe Angst, ohne dich allein zu sein.

Nicht: Meine Liebe zu dir macht mich verrückt.
Sondern: Ich sehne mich danach, von dir gewählt zu werden.

Nicht: Ich kann ohne dich nicht leben.
Sondern: Ich habe noch nicht gelernt, mich selbst zu halten, wenn du nicht da bist.

Diese Sätze klingen weniger romantisch. Aber sie sind wahrer. Und vielleicht beginnt Heilung immer dort, wo die Dinge ihren richtigen Namen zurückbekommen.

Der Rausch am Anfang

Gerade am Anfang einer Beziehung ist das, was wir Liebe nennen, oft ein Rausch. Da sind die Schmetterlinge im Bauch. Das Herz schlägt schneller. Die Gedanken kreisen um diesen einen Menschen. Eine Nachricht kann den ganzen Tag erhellen, ihr Ausbleiben kann uns in einen Abgrund werfen. Wir essen weniger, schlafen schlechter und fühlen uns gleichzeitig so lebendig wie lange nicht. Manche Menschen sind regelrecht süchtig nach diesen Schmetterlingen. Sie suchen nicht nach Liebe, sondern nach diesem Rausch, immer wieder.

Dieses viel besungene Kribbeln ist nicht Liebe. Verliebtheit und Angst wohnen körperlich erstaunlich nah beieinander. Beide können Herzklopfen, Unruhe, gespannte Aufmerksamkeit und dieses kaum auszuhaltende Gefühl im Bauch hervorrufen. Unser Körper meldet: Hier geschieht etwas Wichtiges. Pass auf. Verliere es nicht. Und wir nennen diese Erregung Liebe.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb uns ausgerechnet die Menschen besonders stark beschäftigen, bei denen wir uns nicht sicher fühlen. Wenn Nähe und Rückzug einander abwechseln, wenn wir nicht wissen, woran wir sind, bleibt unser ganzes System wach. Wir verwechseln die Intensität unserer Unsicherheit mit der Tiefe der Verbindung.

Das Sichere erscheint uns dagegen manchmal beinahe langweilig. Weil unser Inneres gelernt hat, dass sich Liebe aufregend, gefährlich und unberechenbar anfühlen muss. Vielleicht jagen wir dann nicht der Liebe hinterher, sondern der vertrauten Erregung. Das bedeutet nicht, dass aus Verliebtheit keine Liebe entstehen kann. Vielleicht ist sie eine Tür. Ein Lockruf des Lebens, der zwei Menschen nah genug zueinander bringt, damit sie sich überhaupt begegnen können.

Aber eine Tür ist noch nicht der Raum, in den sie führt.

Für zu viele Dinge nur ein einziges Wort

Vielleicht liegt ein Teil unserer Verwirrung darin, dass wir für so viele verschiedene Erfahrungen dasselbe Wort verwenden.

Wir lieben unseren Partner, unsere Kinder, einen Wald, ein Tier, ein Lied, einen Geruch, einen vergangenen Sommer und manchmal eine bestimmte Sorte Schokolade. Dasselbe Wort soll das Begehren eines Körpers, die Bindung an einen Menschen, die bedingungslose Hinwendung zu einem Kind und das tiefe Einssein mit allem Lebendigen beschreiben.

Wie sollte es da nicht zu Missverständnissen kommen?

Wir erwarten von der partnerschaftlichen Liebe, zugleich Leidenschaft, Freundschaft, Heimat, Heilung, Sicherheit, Abenteuer, Bestätigung und spirituelle Verbundenheit zu sein. Ein einziger Mensch soll uns begehren, verstehen, spiegeln, tragen, überraschen und beruhigen – möglichst ein Leben lang und am besten alles zur selben Zeit.

Vielleicht scheitern Beziehungen nicht daran, dass zu wenig Liebe vorhanden ist. Vielleicht scheitern sie an all den Aufgaben, die wir diesem einen Wort und damit einem einzigen Menschen aufgebürdet haben.

Eine Beziehung kann Geborgenheit schenken und trotzdem kaum noch Leidenschaft enthalten. Zwischen zwei Menschen kann starkes Begehren leben, obwohl sie einander in ihrem Wesen kaum erkennen. Man kann im Alltag wunderbar zusammenpassen und sich innerlich dennoch nicht berühren. Und man kann einen Menschen tief erkennen, ohne mit ihm ein gemeinsames Leben führen zu können.

Wenn wir alles davon Liebe nennen, glauben wir, etwas sei kaputt, sobald eine dieser Ebenen fehlt. Vielleicht fehlt aber nicht die Liebe. Vielleicht fehlt Begehren. Oder Vertrauen. Oder Nähe. Oder ein gemeinsamer Lebensentwurf. Das sind wichtige Unterschiede. Denn nur das, was wir klar benennen, können wir auch wirklich betrachten.

Liebe als Grundessenz

Für mich ist Liebe größer als das Spiel zwischen zwei Menschen.

Ich glaube, dass sie eine der Grundessenzen dieser Welt ist. Vielleicht sogar das, was unter allem liegt, bevor wir es in Beziehungen, Rollen und Erwartungen aufteilen. Sie ist nicht erst da, wenn zwei Menschen einander wählen. Sie war vorher da. Sie ist in uns, zwischen uns und um uns herum. Sie ist überall und wir bestehen aus ihr.

Wir können sie nicht herstellen. Wir können sie nur durch uns hindurchlassen und uns an diese unsere Essenz erinnern.

Manchmal gelingt uns das in einer Partnerschaft. Manchmal bei einem Kind. Manchmal im Wald, wenn für einen Augenblick die Trennung zwischen uns und dem Leben still wird. Manchmal, wenn wir ein Tier ansehen. Wenn wir einen sterbenden Menschen begleiten. Wenn wir etwas Schönes erschaffen. Oder wenn wir einem anderen Wesen erlauben, ganz es selbst zu sein, ohne daraus einen Nutzen für uns ziehen zu wollen. Vielleicht ist das menschliche Liebesgefühl dann tatsächlich nur ein Puzzleteil. Ein winziger Ausschnitt aus etwas so Großem, dass unser Körper, unsere Biografie und unsere Sprache es gar nicht vollständig fassen können.

Wir nehmen dieses eine Teilchen und schieben es zwischen uns hin und her.

Liebst du mich noch? Liebst du mich genug? Warum liebst du mich nicht so, wie ich dich liebe?

Dabei behandeln wir die Liebe, als sei sie ein Besitz, den ein anderer Mensch uns geben oder entziehen könnte. Als sei sie ein Grund, warum jemand bleiben darf. Aber vielleicht kann niemand mir Liebe geben, weil ich längst aus ihr gemacht bin. Vielleicht kann ein Mensch mich daran erinnern. Er kann etwas in mir öffnen. Er kann einen Raum schaffen, in dem ich die Liebe leichter wahrnehme. Doch er ist nicht ihre Quelle.

Und wenn er geht, nimmt er die Quelle nicht mit.

Eine Beziehung ist ein Gefäß – nicht die Quelle

Vielleicht ist eine Partnerschaft wie ein Gefäß. Wie eine schöne Vase. Sie kann Liebe aufnehmen, ihr eine Form geben und sie im Alltag sichtbar werden lassen. In einer Hand, die nach meiner greift. In einem Gespräch, in dem ich wirklich zuhöre. In einem gemeinsam getragenen schweren Tag. Im Respekt vor der Freiheit des anderen. Aber kein Gefäß ist die Quelle dessen, was es trägt. Und nicht jedes Gefäß kann jede Form von Liebe halten. Manchmal ist zwischen zwei Menschen Liebe, aber das Gefäß ihrer Beziehung ist brüchig geworden. Vertrauen fehlt. Die Lebenswege passen nicht mehr zueinander. Alte Verletzungen lassen Nähe kaum noch zu. Dann reicht es nicht, immer wieder zu sagen, dass man sich doch liebe. Denn es gibt längst keine Erinnerung mehr daran. Vielleicht ist es dann Zeit für andere Worte. Für andere Gedanken. Vielleicht ist es dann Zeit für Abschied. Nicht gleich vom Gegenüber, wie es so oft gehandhabt wird. Abschied vom Verzehren, Abschied von der Leidenschaft von der man denkt, dass sie essentiell wäre. Abschied von dem, was man glaubt, was sein müsse für eine Beziehung.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen: Lieben wir uns?

Vielleicht sollten wir fragen: Wer sind wir füreinander, wenn wir keine Aufgaben mehr füreinander sind?

Was bleibt, wenn ich dich nicht mehr brauche?

Damit komme ich wieder zu mir selbst zurück.

Vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, ob ich mich verliebt habe. Vielleicht muss ich auch dieses Gefühl nicht sofort in eine bekannte Schublade legen. Ich habe etwas in einem Menschen gesehen. Etwas hat mich berührt. Da sind Wärme, Offenheit und der Wunsch nach wirklicher Begegnung.
Aber ich brauche keinen Menschen mehr als Spiegel meines Wertes. Ich brauche ihn nicht, um mich vollständig zu fühlen. Und ich brauche auch keine bestimmte Antwort, um dieses Berührtsein für wahr halten zu dürfen. Vielleicht ist genau das der Moment, in dem zum ersten Mal sichtbar werden kann, was zwischen all den anderen Dingen tatsächlich Liebe ist.
Kein Rausch mehr, kein Hunger. Auch keine Angst vor dem Alleinsein. Ich muss nicht mehr gewählt werden. Ich muss nicht mehr „die eine“ sein. Ich brauche kein besonderes Gefühl mehr vermittelt bekommen.

Sondern dieses stille Erkennen: Da bist du. Nicht als Lösung für mein Leben. Nicht als fehlende Hälfte. Nicht als Mensch, der mich retten oder vervollständigen soll.

Einfach als du.

Und ich als ich.

Vielleicht wählen zwei Menschen einander. Vielleicht nicht. Vielleicht wird aus diesem Erkennen Nähe. Vielleicht bleibt es eine Wahrheit, die keine neue Form annimmt. Aber wenn Liebe tatsächlich eine Grundessenz ist, muss sie nicht besitzen, um wirklich zu sein. Dann darf sie durch eine Begegnung hindurchgehen, ohne sofort eine Forderung daraus zu machen.

Dann kann ich sagen:

Ich will dich nicht brauchen müssen, um dich lieben zu können.
Ich will dich sehen, ohne mich in dir zu suchen.
Und ich will mich von deinem Wesen berühren lassen,
ohne meines dafür zu verlassen.

Vielleicht ist das die tiefere Freiheit, nach der ich gesucht habe. Die Freiheit, Begehren Begehren zu nennen. Angst Angst. Sehnsucht Sehnsucht. Einsamkeit Einsamkeit. Und Liebe nur dort Liebe zu nennen, wo sie den anderen nicht benutzt, um eine Leerstelle in mir zu füllen.

Vielleicht bleibt dann von dem alten, großen Wort zunächst weniger übrig.

Aber das, was übrig bleibt, ist wahr.

© eulenHerz

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