Körper

Food-Fotografie a la carte moderne

„Foodie, Foodie, Foodie!“ – Eine Hommage an das Essen vor dem Essen 

oder (Achtung: nur für Mutige): Warum wir aufhören sollten das Essen zu fotografieren

Moderne Essenskultur – warum wir unser Essen fotografieren (und was das über uns verrät)

Ich sitze da. Das Essen auf meinem Teller dampft. Ich schnappe mir die Gabel und… doch da – Stopp!

Irgendwas (oder war’s irgendwer?) ruft: Warte! Das kannst du doch nicht machen! Einfach so losessen – das geht nicht! Das musst du festhalten. Auf Film. Für die Nachwelt! Das ist Kunst!

Ich so: Nee, das ist Essen. MEIN Essen. Und ich hab Hunger! Doch nein – das geht natürlich nicht. Denn bevor man isst, muss man’s festhalten. Zwingend. Egal ob Matschemampe oder 5-Sterne-like – es wird auf Chip gebannt. Abgeschnittene Hälse der Mitesser im Hintergrund? Egal. Hauptsache: das Essen fotografieren. Yess. Punkt 253 auf der To-Do-Liste für heute abgehakt.

Foodie, Foodie, Foodie!
It’s so funny – in the eater’s world!
Bisschen Basilikum, bisschen Glanz, und schon denkst du: „Wow, was ein Balanceakt!“ Denn was früher satt machte, muss heute erstmal viral gehen. Zumindest im eigenen Kopf. Eigentlich ist das Leben zu kurz für dauerhaft kaltes Essen – aber hey, wir haben ja die Beweisfotos.

Essen ist eine Sucht. Zwangsläufig – ohne kommt keiner von uns weit. Naja, das, was da so fotografiert wird, ist überwiegend Junk, aber was soll’s. Es schmeckt, liest man, also muss man es auch ansehen – selbst wenn man wirklich nicht möchte.

Da sitzen sie also, die modernen Gourmets, beugen sich ehrfürchtig über ihre Teller wie Wissenschaftler im Labor.

„Oh, das Licht ist schlecht, warte mal – ich mach kurz mit Blitz!“ Die Suppe erschrickt, die Nudeln glänzen panisch, der kleine Bildsensor hinter der Linse arbeitet sich in Ekstase. Er will alles geben. Er ist das Auge der Nation.

Währenddessen kühlt das Essen ab. Aber das ist okay. Oder? Ich meine, für ein gutes Bild tun wir doch alles. Sogar kalt essen. Warmes Essen ist eh überbewertet, vor allem Suppe – wenn man dafür den perfekten Hashtag bekommt:
#foodlove #happytummy #cleaneating #zeugsimpot #oderso.

Die Gabel schwebt in der Luft, weil der Fotograf – Verzeihung, der Esser – noch den idealen Winkel sucht.

„Warte, ich brauch noch eins von oben! Und eins von der Seite. Und jetzt du, halt mal kurz die Gabel, aber lächel dabei natürlich ganz natürlich!“

Natürlich.

Wird aus einer Essenskultur ein Schauspiel aus Licht, Filter und Hashtags?

Manchmal seh ich diese Bilder und denke: Kein Wunder, dass die Menschheit das Gefühl für Hunger verloren hat – wir füttern unsere Feeds. Mit Fotos vom Essen, die keiner ansehen möchte, weil appetitlich ist anders. Ehrlich. Einen fettglänzenden Burger – möchte man den wirklich ansehen (oder essen??) ? Einen Haufen Frittiertes? Ernsthaft jetzt? Ein Klumpen Undefinierbares? Uff.

Wir essen manchmal, wir posten öfter. Und wenn wir fertig sind, fragen wir uns, warum uns trotzdem irgendwas fehlt.

Doch was soll’s – das ist Kunst! Das ist Leidenschaft! Das ist Selbstinszenierung mit einer Prise Himalaya-Salz! Wir danken dem Licht, dem Teller, dem Avocado-Himmel und posten für die Ewigkeit – oder wenigstens bis morgen früh, wenn der Algorithmus wieder Hunger hat. Und irgendwo hinter der Linse sitzt ein kleiner überhitzter Bildsensor, wischt sich den Schweiß von der Platine und flüstert leise: „Guten Appetit, ihr Pixelhelden.“

Und dann – ganz am Ende sozusagen – liegt es da. Irgendwo zwischen 947 Selfies, einem verschwommenen Foto von einer Katze und drei Screenshots, die ich „später noch brauche“ (vielleicht, womöglich, wenn es im August auch schneit). Das Essen. Für immer konserviert. Nie gegessen – naja, schon, aber digital eben: unsterblich.

Paradoxerweise fotografieren viele, um den Moment festzuhalten – aber dabei verpassen sie ihn gerade. Das Fotografieren gibt ein Gefühl von Kontrolle: „Ich bewahre das auf, also geht es nicht verloren.“ Aber eigentlich wird der echte Moment durch die Linse ersetzt.

Digitale Reste – ein Friedhof aus Avocado-Toast und Pixeln

Scroll, scroll, scroll – ah ja, da ist sie ja: die Pasta vom März. Die Pizza von… wann war das? Egal. Der Burger, bei dem ich dachte: „Das muss festgehalten werden!“ Tausende Gigabyte voll mit Kalorien, die nie wieder jemand ansehen wird. Außern man muss. Wirklich. Ein stiller Friedhof aus Avocado-Toast und Filterkaffee im Goldenen Licht. Grabsteine aus Pixeln. Keine Trauergäste, nur ich – beim verzweifelten Versuch, Speicherplatz freizumachen.

„Wirklich löschen?“ fragt mich das Handy. Ich zögere. Das war doch… besonders! Oder? Nein. War es nicht. Es war Mittwoch.

Aber löschen? Das fühlt sich so falsch an. Als würde ich die Erinnerung wegwerfen – oder Essen – obwohl die Erinnerung eigentlich nur ist: Ich war hungrig. Ich habe gegessen. Ende. Also bleibt es. Für immer. Oder bis zur nächsten Cloud-Abrechnung.

Je mehr wir festhalten, desto weniger erleben wir wirklich. Das Foto ersetzt die Erfahrung – und am Ende haben wir 1000 Bilder von Essen, aber kaum Erinnerungen an den Geschmack.

Und irgendwo zwischen all den digitalen Resten frage ich mich, wann wir aufgehört haben, einfach zu essen. Ohne Filter, ohne Blitz, ohne Beweisfoto. Vielleicht wäre das das eigentliche Luxus-Menü: Hunger, Essen, Stille. Und kein einziger Pixel, der drüber urteilt.

Der wahre Luxus: Einfach essen, ohne Filter

Für heute, da hab ich ne total abgefahrene Idee für uns. Echt, total anders. Vom Planeten Foodie.

Wir sind heute echt mutig ok? Wir stellen die Welt auf den Kopf. Wir machen das so:

Einfach dasitzen. Einfach essen. Einfach genießen – ohne Zeugen, ohne Filter, ohne den panischen Gedanken, dass dieser Moment nur zählt, wenn ihn jemand sieht. Poah. Gibt´s nicht oder? Stell dir vor!!

Die schönsten Dinge – nur für uns. Der Duft, der Geschmack, das Gefühl von Wärme auf der Zunge. Das kann kein Sensor einfangen, keine Cloud bewahren. Und das ist purer Genuss- ganz allein für dich. 

Vielleicht ist das der wahre Luxus: Etwas zu erleben, ohne es beweisen zu müssen. Zu schmecken, zu genießen – und dann loszulassen.

Guten Appetit. Diesmal wirklich.

Deine Susanne

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