Körper

Die Hülle und das Strahlen

– warum so viele Frauen ihr Spiegelbild nicht erkennen

1. Persönliches Erleben

Kennst du das? Du stehst vor dem Spiegel, aber das, was du da siehst, passt überhaupt nicht zu dem, wie du dich innen fühlst.

Du machst die Augen zu. Du fühlst in deinen Körper hinein. Dein Körper schwingt harmonisch miteinander. Das Herz schlägt gleichmäßig. Dein Gehirn funktioniert. Du spürst, wie die einzelnen Zellen miteinander tanzen.

Du öffnest die Augen, und das Tanzen hört auf. Es ist, als ob dich eine fremde Person anschaut. Als ob das, was da in deinem Kopf passiert, überhaupt nicht zu dem passt, was du da außen siehst. Es ist, als ob das, wie du innen bist, nicht zu dem passt, was da außen ist. Als ob das Du, das Ich, in einer fremden Hülle wohnt. In einer Hülle, die gar nicht zu dir gehört.

So habe ich mich mein Leben lang gefühlt. Innen voller Farben, klar, schön – und außen fremd. Innen stimmig, außen zerrissen. Als ob eine Folie über meinem Spiegelbild liegt, die nicht mit meinem Inneren übereinstimmt. Manche Umrisse passen, aber nur ein winziger Teil. Der Rest fühlt sich falsch an. Ich dachte immer, ich könne daran arbeiten. Ich müsse nur meinen Selbstwert erhöhen. Me-Time nutzen. Ich müsste vielleicht noch einen Persönlichkeitsverbesserungskurs machen. Noch ein Selbstliebe-Retreat. Nochmal 100 Affirmationen auswendig lernen. Überraschung: ich fühle mich nach all dem noch immer so.

Klar, ich hab mir eingeredet: ach, das ist schon ok. Ich fühl mich ja wohl. Alles supi paletti. Ich bin eben ich. Ich hab mich lange im Spiegel angestarrt. In meine Augen. Bis alles um mich herum zerlaufen ist und ich nur noch farbige Umrisse wahrgenommen habe. Dann war es wieder da: das farbige Tanzen all meiner Zellen. Wenn alle Ebenen zerlaufen – dann tanzt alles miteinander. Doch wenn meine Augen klar in den Spiegel schauen, passt nichts mehr zueinander. Wie kann denn sowas sein?

2. Die Lebenslange Erfahrung

Es ist, als hätte ich zwei Welten in mir. Eine innere Welt, in der ich voller Schönheit, voller Farben, voller Tanzen bin – und eine äußere Welt, die so gar nicht dazu passt. Grau, trist, irgendwie hässlich, irgendwie nicht stimmig. So wie ein Misston beim Klavierspielen oder wie eine verstimmte Gitarre. Genauso fühlt es sich an.

Ich weiß noch, wie ich mich schön fand als kleines Mädchen. Wir hatten damals eine neue Garderobe bekommen, ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Vor dem großen Spiegel hielt ich mein Kleid in den Händen, drehte mich und fand mich einfach wunderschön. Plötzlich tauchte mein Vater hinter mir auf und schrie mich an. Ich solle sofort verschwinden. Man dürfe sich nicht im Spiegel betrachten, das sei Eitelkeit. Dafür käme man in die Hölle. Und ich bekam Schläge, fünf Schläge dafür, dass ich mich vor dem Spiegel gedreht und mich im Spiegel bewundert hatte.

Ich hatte schreckliche Angst. In die Hölle? Nur weil ich mich im Spiegel angeschaut und gedreht hatte? So eine harte Strafe, vom eigenen Vater? Weil ich mich in diesem Augenblick schön fand? Ich verstand es nicht – aber in mir zerbrach etwas. Vielleicht war das der Moment, in dem dieses Gefühl begann. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es bis heute anhält. Dass ich, obwohl ich längst eine erwachsene Frau bin, noch immer erlebe, wie mein äußeres Bild unstimmig wirkt. Dass sich mein Inneres und mein Äußeres nicht wie zwei Schablonen zusammenlegen lassen.

Seit meiner Kindheit trage ich dieses Fremdsein in meinem Spiegelbild in mir. Es hat mich so sehr gequält. Ich habe oft geglaubt, ich sei ein Alien, dass ich gar nicht in diesen Körper gehöre. Als junge Frau habe ich unaufhörlich an mir herumverändert: neue Haarfarben, neue Frisuren, neue Kleidungsstile, alles Mögliche. Immer auf der Suche nach Stimmigkeit. Gleichzeitig bin ich so sehr verletzt worden von Männern, verunsichert und isoliert.

Wenn man glaubt, dass man selbst falsch ist, wird jeder Spiegel zum Beweis. Jedes große Schaufenster zum Feind. Und das tut weh – jeden Tag, immer wieder.

3. Der größere Zusammenhang

Inzwischen weiß ich: Ich bin nicht allein mit diesem Gefühl. Ich sehe es bei meinen Schwestern. Und ich spüre, wie viele Frauen es gibt, die dieses Fremdsein in ihrem Spiegelbild kennen. So viele junge Frauen, ältere Frauen und sogar alte Frauen haben mir schon davon erzählt. Sie alle kennen dieses Gefühl – und sie konnten es trotz aller Arbeit an sich selbst, trotz Büchern, Kursen und Affirmationen nie ganz loswerden.

Es ist, als wären wir eine Generation von Mädchen, die nie wirklich liebevoll gespiegelt wurden. Stattdessen haben wir gelernt, dass Schönheit gefährlich ist. Dass wir uns nicht zeigen dürfen. Dass unser Strahlen falsch ist und bestraft werden muss. Viele von uns wurden offen abgewertet, beschämt oder bestraft. Viele andere einfach übersehen.

Doch in all diesen Geschichten geschieht dasselbe: Ein Teil von uns zieht sich zurück.

In der Psychologie nennt man das Dissoziation. In der Seelenarbeit sprechen wir von Seelenabspaltung oder Seelenverlust. Ein lebendiger, bunter, zarter Teil rettet sich, indem er ins Innere geht. Dort bleibt er geschützt, während unsere äußere Hülle weiter funktionieren muss – vielleicht angepasst an Erwartungen, vielleicht auch an Schönheitsideale, die niemals wirklich zu uns passen.

Und genau deshalb fühlen wir uns innen so strahlend, voller Farben, tanzend und wunderschön – und sehen im Außen doch eine fremde Gestalt, die dieses Strahlen nicht widerspiegelt. Nicht weil wir falsch sind. Sondern weil ein wichtiger Teil unserer Seele sich zurückgezogen hat. Und dadurch passen Innen und Außen nicht mehr deckungsgleich übereinander.

4. Der Wendepunkt

Auch wenn sich der strahlende Teil der Seele zurückgezogen hat – jener Teil, der Innen und Außen zusammenbringt und deckungsgleich macht –, ist eines ganz wunderbar: Das innere Strahlen ist noch immer da. Es ist echt. Es war nie weg. Es ist niemals verloren.

Diese Erkenntnis ist ein wahnsinnig wichtiger Wendepunkt.

Das Gefühl der Fremdheit bedeutete all die Jahre nicht, dass ich falsch bin. Es bedeutete, dass ein Teil von mir sich geschützt hat, dass er sich zurückgezogen hat, weil es viel zu schmerzhaft war, immer ganz da zu bleiben. Und dieser Teil wartet bis heute auf mich – und auch auf dich. Wir müssen nicht länger gegen uns kämpfen. Ich muss nicht länger gegen mich kämpfen. Ich muss mich nicht verbiegen, mich nicht ständig verändern, um stimmig zu sein. Ich darf stattdessen Schritt für Schritt diesen verlorenen Teil zurückholen. Ich darf ihn einladen, wieder nach Hause zu kommen.

Ein großer Wendepunkt war für mich, als ich mich mit der Hüterin meines Schoßraums verbunden habe – meinem Schoßraum, meiner Gebärmutter, dieser Urquelle meiner Kraft. Dort wohnt eine Schönheit, die ich niemals vermutet hätte. Und sie hat nichts mit dem Außen zu tun. In dem Moment, als ich mich mit meinem Schoßraum vollständig verbunden habe, hat sich etwas in mir gewandelt.

Nein, noch immer deckt sich mein Inneres nicht zu hundert Prozent mit meinem Äußeren. Aber es hat sich etwas verändert. Denn das Außen ist wichtig. Ich meide den Spiegel nicht mehr. Ich liebe meine Haut, meine Haare. Doch noch mehr liebe ich meinen Schoßraum, die Art, wie ich mit meinen Kindern bin, meine Geduld, meine Liebe zu Mutter Erde, meine tiefe Verwurzelung, die ich durch ihn mit meiner Welt spüre.

Ja, vielleicht ist es ein Geschenk, wenn sich Innen und Außen zu hundert Prozent decken. Doch vielleicht muss es das auch gar nicht. Denn ich weiß, dass meine kleine Seele, die sich damals als Kind zurückgezogen hat – weil Schönheit verboten war, weil Anschauen gefährlich war –, dass dieser kleine, verwundbare Teil heute von mir in den Arm genommen werden darf. Ich darf ihn lieben, so wie er ist.

Und so kann ich tanzen, ohne mich im Spiegel betrachten zu müssen. 
Ich kann tanzen und mich dabei im Spiegel anschauen.
Und selbst wenn ich mich nicht ganz sehe, weiß ich doch: Das bin ich.

Das bin ich, wie ich hier auf dieser Welt aussehe. Das bin ich, wie ich voller Lebensfreude tanzen kann. Das bin ich, wie ich liebe. Und das bin ich, wie ich schön bin – mit allem, was zu mir gehört. Auch mit dem Teil, der nicht deckungsgleich ist.

Genau damit bin ich wunderschön.

5. Einladung: Ein kleines Rückholungsritual

Wenn du dich selbst manchmal fremd im Spiegel erlebst, wenn du spürst, dass dein Inneres und dein Äußeres nicht übereinstimmen – dann darfst du dir ein paar Minuten Zeit nehmen. Zeit, um den Teil deiner Seele einzuladen, der sich zurückgezogen hat.

Zünde eine Kerze an und lege deine Hand auf dein Herz. Atme tief und ruhig.

Stell dir vor, wie du dein inneres Strahlen rufst – so, wie du dich in deiner lebendigsten, schönsten Form kennst. Vielleicht erscheint es dir als Licht, vielleicht als Kind, vielleicht einfach als Gefühl von Wärme und Farben.

Dann sprich leise oder in Gedanken

„Ich sehe dich.
Ich weiß, warum du gegangen bist. Du hast mich geschützt. Jetzt darfst du zurückkommen. Mein Herz ist bereit für dich.“

Bleib einen Moment still. Atme weiter. Spüre, wie sich etwas in dir regt – vielleicht zart, vielleicht kraftvoll.

Zum Abschluss nimm einen Schluck Wasser oder halte kurz deine Hände auf deinen Körper, so als würdest du dich selbst umarmen. Sag dir: „Willkommen zu Hause.“

Es braucht nicht immer nur großen Zeremonien. Nur diesen einen Moment, in dem du dich öffnest.

Mit jedem Mal, wenn du das wiederholst, kommt dein inneres Strahlen ein Stück näher – und die Hülle im Spiegel wird ein bisschen wärmer, ein bisschen vertrauter, ein bisschen mehr dein Zuhause.

6. Abschluss – Ausblick

Ich glaube, dass viele Frauen diese Reise noch antreten dürfen. Frauen, die sich im Spiegel fremd sehen, obwohl sie in sich selbst so viel Schönheit tragen. Frauen, die gelernt haben, ihr Strahlen zu verstecken, weil es zu gefährlich schien.

Denn unser inneres Strahlen wartet. Es ist nie verloren. Und wir alle haben die Kraft, es zurückzuholen – Schritt für Schritt, in unserem eigenen Tempo, in unserer eigenen Wahrheit.

Vielleicht ist es heute für dich an der Zeit, deine Heldinnenreise neu zu schreiben. Denn du bist wunderschön. Innen – und außen. Und wenn dein Außen auch nach vielen Versuchen noch nicht ganz mit deinem Innen deckungsgleich ist, dann nimm beide Teile in den Arm. Liebe dich mit diesen beiden Teilen. Liebe dich genau deswegen – weil du beides bist.

Bis bald, deine Susanne

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